28. Dezember 2018
von
Rubriken: Rundbriefe
5 Kommentare

Lässt sich Wirklichkeit abbilden? – Connection-Rundbrief Nr. 174 von Ende Dezember

»»Sagen, was ist«? Das geht nicht. Hier irrt der SPIEGEL, und mit ihm die ganze Branche.«—Wolf

Ende November fand in Berlin zum fünften Mal die Konferenz »Wissenschaft und Meditation« statt, wo auf hohem Niveau mainstreamnah die Themen Achtsamkeit, Meditation und der Selbstoptimierungswahn abgehandelt wurden. Eher irritierend war für mich dabei jedoch, wie auch hier die Redner scheu um das Ich herumtanzten. Sie nahmen das Ego als Stein des Anstoßes, als corpus delicti, schwarzen Peter, Fettnäpfchen oder gar als den großen Widersacher. Es scheint in den spirituellen Szenen bis hin zu den modernen Mainstream-Meditierern den Konsens zu geben, dass das Ego schlecht sei. Eigentlich urteilen wir ja nicht, aber man muss doch mal eine Ausnahme machen: Das Ego ist schlecht. Das Bekenntnis zur Schlechtigkeit dieses sozialen Gebildes, auch wenn es wie oft nur hauchzart ironisierend angedeutet wird, gehört in diesen Kreisen zum guten Ton. Wer den nicht pflegt, ist »noch unbewusst«, will sagen: noch nicht spirituell. 

Der blinde Fleck

Schlimmer aber als dieser Tanz um den blinden Fleck in der Selbstwahrnehmung finde ich den Umgang mit der Wahrheit in Politik, Wirtschaft und den Medien. Damit meine ich nicht bloß die Wahngebilde, die von den sogenannten Populisten im sogenannt postfaktischen Zeitalter in die Welt gesetzt werden, als gäbe es zwischen Lüge und Wahrhaftigkeit keinen Unterschied, sondern ich meine damit auch etwa das aktuelle Thema des deutschen Nachrichtenmagazins »Der Spiegel«, das gerade anlässlich des Relotius-Skandals schlicht titelt »Wir sagen, was ist.«

Sprache täuscht

Sagen was ist, das kann man nämlich nicht. Herüber habe ich gerade mit Martin Frischknecht gechattet, für dessen Zeitschrift »Spuren« ich auch eine Kolumne schreibe. So wie Schreiner die Eigenschaften von Holz kennen müssen und die Werkzeuge, mit denen sie es bearbeiten, sollten Journalisten nicht nur den Objektbereich kennen, über den sie schreiben, sondern auch die Eigenschaften von Sprache, denn sie ist ihr Werkzeug. Damit faszinieren und überzeugen, manipulieren und täuschen sie auch dann, wenn sie »die Wahrheit« abhandeln oder »die Fakten«. Schon im Editorial des aktuellen Spiegelheftes (Nr. 52 vom 22.12.18) zeigt sich dieser Irrtum im Umgang mit Sprache. Es beginnt mit den Worten: »Dieses Haus ist erschüttert. Uns ist das Schlimmste passiert, was einer Redaktion passieren kann. Wir hatten über Jahre Reportagen und andere Texte im Blatt, die nicht die Wirklichkeit abbildeten, sondern in Teilen erfunden waren. Unser Kollege Relotius hat sich nicht auf die Recherche verlassen, sondern sondern seine Fantasie eingesetzt, hat sich Zitate, Szenen, Personen ausgedacht, um viele seiner Geschichten besser, spannender wirken zu lassen. Für einen Journalisten ist das unverzeihlich.«

Wirklichkeit lässt sich nicht abbilden

Irrtum. Auch Journalisten brauchen Fantasie und müssen sie beim Schreiben einsetzen, bei der Recherche und beim Verstehen der von ihnen beschriebenen Menschen und Umstände. Sie brauchen Fantasie auch beim faktentreuen Schreiben, und sie können die Wirklichkeit nicht abbilden, denn Wirklichkeit lässt sich nicht abbilden. Der Finger, der zum Mond zeigt, ist nicht der Mond. Auch ein Faksimile eines Objektes ist nicht dieses Objekt, ein Satz, ein Foto, eine Geschichte oder ein Dokumentarfilm sind das schon gar nicht.

Was die beiden Themen Ego und Wahrheit miteinander verbindet, ist die Tatsache, dass das Ich eine Fiktion ist. Es ist eine Fiktion, die Fakten schafft. Und was hilft mir dabei, dass nicht auch ich zum Opfer dieses Irrtums werde, das Ich sei eine Tatsache? Dabei hilft mir die Packung Anti-Idiotikum, die ich im Wohnmobil immer bei mir habe. Ab und zu eine Tablette davon, das hilft, und wenn’s schlimm kommt, 3x täglich eine. 

Texte und Links

Meist glückt es, dass ich erst nach Einnahme einer solche Tablette meine Texte abschicke. Z.B. an die Print-Zeitschriften KGS Berlin, U&W, Spuren,  Lucy’s Rausch und Osho Times. Online findet ihr mich nun auch im OneSpirit-Magazin, und auf KGSberlin.de gibt es meine Texte sowohl zu lesen, wie auch als Podcasts.

Auch die buddhistische Zeitschrift »Ursache & Wirkung«, für die ich seit drei Jahren schreibe, stellt meine Text online, wie ich grad erst bemerkt habe, z.B. den über Weltinnenraum. Es liest ja nicht mehr jeder Print. 

Das Interview, das Ludmilla und Roland im vergangenen September zum Thema »Erwachte Beziehungen« mit mir geführt haben, ist nun für jeden anklickbar. Die anderen Interviews des Kongresses findet ihr auf www.erleuchtungskongress.com in Trailern und könnte dort auch noch das ganze Paket erwerben. Und hier nochmal der Link zum Humorworkshop für Erleuchtungsstreber, der ein Jahr davor auf dem Erleuchtungskongress stattfand. 

Jetzt noch was Schönes für die dunkle Zeit des Jahres: ein Interview mit der Dichterin Julia Engelmann, das auch ihren berühmten ersten Auftritt beim Poetry-Slam an der Uni Bielfeld enthält. Und ein Liebeslied von Bastian Bandt mit Sarah Lesch.

Muss sich Politik wiederholen? Eigentlich nicht, aber anscheinend lernen wir nichts dazu. Schaut selbst. Dieser ARD-Film zeigt die Verflechtung der US-Unternehmen Standard Oil, GM, Ford und IBM mit der Nazi-Diktatur, und wie diese Unternehmen auf beiden Seiten dieses größten Krieges aller Zeiten mitverdienten und danach ungeschoren weitermachten. Vielleicht erinnert das den einen oder anderen an heutige Waffengeschäfte. Gemäß dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri steigen die Rüstungsverkäufe nämlich weltweit weiterhin an. Und 57 % des Weltumsatzes an Waffen kommt von US-amerikanischen Unternehmen. 

Jetzt noch was zum Brexit. Ist doch zum Haareraufen, wie diese Abstimmung zum Brexit damals zustande kam. Jetzt haben sie den Salat, die Briten. Hoffentlich wird bald nochmal abgestimmt, denn erst jetzt dämmert vielen, was dieser Ausstieg bedeutet.

Und hier wieder was Schönes: die Weihnachtsbotschaft von Rosa Luxemburg, die sie 1917 aus dem Gefängnis schrieb, an ihre Freundin Sonjuschka. Nitya hatte diese Botschaft am 25. 12. in seinen auch sonst sehr lesenswerten Blog gesetzt. Sie schreibt darin, dass sie »ständig in einem freudigen Rausch« lebe, trotz all der gerade für sie sehr widrigen Umstände.

Nun noch einen Link zu der wunderschönen indisch-iranischen Musik von Julia Ohrmann an der Bansuri, mit ihrem iranischen Mitspieler Ahmadi Aminian (Ney, Sitar, Gesang). Musik kann so viel schöner sein als Worte!

Was ist Individualität? In diesem englischen Text finden ihr einen sehenswerten 6 min Film, der zeigt, wie das Portrait einer Persönlichkeit – das Passbild als »identity card« – von einer Software kreiert werden kann. Faszinierend? Ja, aber auch erschreckend, was man so alles mit Computern machen kann. 

Veranstaltungen  

Ab heute (28. Dezember) bin ich bis zum 2. Januar im BeFree-Tantra Silvester-Retreat. Dort am 1. Januar mit einem Sketch, über die Initiation in die Mysterienschule der Scharlatane; diesmal zusammen mit dem fantastischen Chorleiter Henry Friesen aus Bielefeld.- 

Meine Humorworkshops 2019: 

• Am 26. bis 28. April 2019 gebe ich einen Humorworkshop im Sinnesart-Zentrum in Dresden.

• Am 18./19. Mai in Stuttgart, im Lichtnetz, Landhausstraße 44. Info & Anm über Jana Weiser, SchmetterlingJW@gmx.net. 

• Am 11. Mai (nur einen Tag lang) und 28./29. Sept im Kellerhof bei Hameln. Info & Anm über Pea Krämer, info@peakraemer.de

• In Heidelberg am WE 30.Nov./1. Dez. Info & Anm über Ulrike Müller, ulmuta@gmx.de. 

Typischerweise kostet ein WE ca. 160 €, ein Tag 85 €. Frühbucher und Paare bekommen oft Vergünstigungen. Geplant sind auch Humorworkshops in Berlin, Würzburg und München, da sind die Termine aber noch nicht sicher. Für Berlin und München suchen wir noch Organisatoren, für Würzburg stehen Organisatorin (Claudia Wenzel, osflow-cwl@gmx.net) und der Ort schon fest.

Ab 10. Januar bin ich wieder für zwei bis drei Monate auf der Kanareninsel La Palma, die meiste Zeit davon in Puerto Tazacorte. 

• Am WE 13./14. April bin ich wieder im BecomeLove, das diesmal voraussichtlich im frisch renovierten Gut Pommritz in der Niederlausitz stattfindet. 

Für das Wochenende 4./5. Mai planen die Kulturwissenschaftlerin Stefanie Rinke von der Humboldt-Uni und ich in Berlin einen … oho, Orgasmus-Workshop. Der wird in Berlin stattfinden, der unangefochtenen Welthauptstadt der sexuellen Liberalisierung. Weitere Details hierzu findet ihr in einem meiner nächsten Newsletter.

RSS abonnieren

Diskussion zu: Lässt sich Wirklichkeit abbilden? – Connection-Rundbrief Nr. 174 von Ende Dezember

  1. Herrlich Wolf, Dein Newsletter, spritzig, auf den Punkt.
    Zwei Hinweise:
    1. Das Buch „Guru Hitler“ von E.R. Carmin zeigt ganz spannende Zusammenhänge über den weltweiten Antisemitismus und Hitlers Unterstützung durch u.a. Ford (USA), die mit Deinem link zusammenhängen, aber noch darüber hinaus die esoterischen Bereiche führen, u.a., dass Himmler immer eine Bhagavadgita mit sich gehabt haben soll. Ich hatte das obige Buch damals meinem Freund John Steiner, dem Überlebenden von fünf Konzentrationscamps, den Du persönlich kennengelernt hast und Interviews mit ihm gemacht hast, vorgelegt und er hat es als authentisch bezeichnet.
    2.
    Ich wundere mich jedesmal, wenn es über die Diskussion des „Ich“ geht, dass ich niemanden höre, der den traditionellen Advaita-Vedanta studiert hat. Er ist seit 20 Jahren das große Geschenk meines Lebens. Dort haben wir klare Aussagen gerade auch in Verbindung mit der Lehre von den Gunas (Bhagavadgita): http://www.shiningworld.com/site/files/pdfs/misc/yoga_of_the_three_energies_promo.pdf.
    Um dort weiter zu forschen lege ich Dir das aus dem Amerikanischen übersetzte Buch meiner Lehrers ans Herz: Die Wirklichkeit erkennen von James Swartz. Lies es, wenn Du magst schicke ich es Dir, wenn Du mir eine Adresse von Dir auf La Palma gibst (alfluechow@web.de).
    Weiterhin eine gute Reise und spannende „Reisebriefe“, Herzlich Alf

  2. Ich wäre froh, würdest Du die Konditionierung rund um den Wahn ablegen, den wir rund um unsere Vergangenheit leben. Noch sind wir weit entfernt von einem Erkennen dessen, was rechts und links, Mann und Frau, Gut und Böse bedeuten.

    Es ist auch an der Zeit blätter wie den „Spiegel“ endlich fallenzulassen. Er ist das Produkt massivster Ich-Identifikation und einem Ausmass an Heuchelei, das „auf keine Kuhhaut“ mehr geht. Es gilt viel an Heuchelei und Gutmenschentum (das Wort trifft es auf den Punkt) zu erkennen als auch loszulassen. Noch sehe ich Dich als diesbezüglich unerwacht, lieber Wolf. Doch nichts für ungut. Wir sind alle unbewusst auf verschiedenen Ebenen.

  3. Erwacht oder nicht erwacht, wen scherts.
    Es gibt dringende aufgaben in unserer zeit. Wir können nicht warten, bis sprache, ich, wahrheit verstanden ist.

    Gutes wirken in 2019 wünsche ich!
    Gerhard

  4. Lieber Sugata,

    Danke für Diesen Newsletter. Vorm Jahreswechsel hatte ich ihn schon mit Genuss und Berührung gelesen. Jetzt schließt sich dieser Kreis mit dem Beitrag meinerseits, dass mein „ICH“ die ganze Sache mit „EGO-Auflösung“ schon „immer“ etwas schräg fand.

    „Da war ich Dir all die Zeit behilflich, nicht aus den Kurven zu fliegen, auf Spur zu bleiben, und dann auf der Endgeraden willst Du mich verleugnen als Teil des Teams? Fick Dich!“

    Du siehst, ich bin also aktuell noch zu dritt. Aller guten Dinge eben.

    Zum Thema Nazitum, als Nachklingendes bis in unsere heutige Sphäre, gäbs auch viele tiefe Bilder in mir. Da haben wir wohl alle unsere Last. Wir können aber sicher etwas davon abtragen, und den kommenden Generationen etwas mehr im Selbstringen erkämpften „geheilten Himmel“ in uns anbieten, statt das wahre Selbst aufgegebene „Heil Hitler & Himmler“.

    2019… ein grandioses Jahr zum Wirken und (Mit-)Gestalten.
    Freu mich auf mehr Connection

    Herzlich, Markus

  5. Endlich mal ein Plädoyer fürs kleine Ego. Ich sehe darin erst mal eine Energiequelle. Es kommt nur darauf an, was man mit dieser Energie anstellt.

    Und: Journalismus ohne Phantasie ist fade. Selbst Spekulation ist zulässig, wenn sie als solche erkennbar ist. Man sollte nur diese beiden Dinge nicht als allgemeingültige, objektive „Wahrheit“ verkaufen.

    Es grüßt

    Ernst

Dein Kommentar zu: Lässt sich Wirklichkeit abbilden? – Connection-Rundbrief Nr. 174 von Ende Dezember

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht