Kleine Welt, große Welt

»Nun haben sie hier wieder einen Gewaltbereiten vor der Nase, wozu sind sie dann überhaupt nach Deutschland gekommen?«—Wolf

Man sagt das so leicht: im Kleinen das Große, im Großen das Kleine; der Makrokosmos zeigt sich im Mikrokosmos und umgekehrt; das Private ist politisch, und die Politik greift mächtig in unser Privatleben ein. Hierzu eine Geschichte aus dem Connectionhaus über das Zusammenleben mit Flüchtlingen und vor allem: das Zusammenleben der Flüchtlinge untereinander. Denn einer von ihnen hält sich nicht an die Regeln. Er nimmt sich von den Fahrrädern, die für alle da sind, ohne zu fragen das Beste für sich, er macht beim Putzen nicht mit, er bestiehlt die anderen nachts aus dem Kühlschrank und droht seinen Mitbewohnern, dass er sie zusammenschlagen würde, wenn sie sich ihm nicht fügen oder ihn an Stellen verpetzen, die mächtiger sind als er. Unter den Bewohnern ist er der körperlich stärkste, und er trainiert seine Muckis weiterhin, gut sichtbar in der WG, durch Kung Fu Übungen und anderes. Zwei in der WG sind von ihm schon georfeigt worden, ein Dritter (der Blinde) bekam einen Stups vor die Stirn, um ihm zu zeigen: Ich bin hier der Boss!

Der Sog des Negativen

Den Realnamen von ihm möchte ihr hier aus Personenschutzgründen nicht nennen, sonst würde ich mich damit angreifbar machen, riet mir gerade eben (23. 6., ich verändere gerade was an diesem Blogeintrag – mehr dazu weiter unten in einem Kommentar von mir selbst) lässt sich von uns Mike nennen. Den Namen hat er sich selbst gegeben, er ist damit nicht amtlich erkennbar. Ich habe hier im Blog schon ein paar Mal von ihm berichtet. Lieber würde ich von den schönen Ereignissen hier im Haus berichten – da gibt es viele –, aber die negativen haben so eine Art, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Androhungen vom Gewalt ängstigen, sie bewirken, dass man sich schützen will. Deshalb geben wir negativen Nachrichten mehr Aufmerksamkeit als positiven. Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen in unserer Vorgeschichte: Wer zuerst dem sich heranschleichenden Säbelzahntiger die Aufmerksamkeit gab und dann erst den Blumen am Wegesrand, hatte einfach bessere Überlebenschancen. In unserem Falle lenke ich den Fokus nicht nur deshalb auf Mike, weil seine Bereitschaft zur Gewalttätigkeit für uns eine gewisse Gefahr ist, sondern auch, weil sich in der Art, wie er hier wirkt, Zusammenhänge zeigen, die auch im Großen wirken, wo es um mehr geht als darum, ob mal jemand eine Watschn erhält, sich nicht an den Putzarbeiten beteiligt oder ein Stück Wurst im Kühlschrank klaut. 

Umgang mit dem Regelbrecher

Wir Hausbewohner haben mit mehreren der Asylsozialbetreuer vom Landratsamt darüber gesprochen, wie wir am besten mit Mike umgehen sollen. Wir sollten ihn bei der Polizei anzeigen, sonst könnten sie in der Sache nichts machen, sagten sie. Verlegen bringt nichts, weil er dann an der neuen Stelle dassselbe macht. Es könnte auch sein, dass eine Verlegung dem Querulanten als Belohnung erscheint, von einem eventuell ungeliebten Platz weg zu kommen, z.B. an einen Ort mit besserer Bahn- und Busverbindung, und das soll nicht Schule machen. Deshalb sind wir im April zu fünft damit zur Polizei gegangen, vier der Afghanen und ich – in meinem Blogeintrag über »Schönheit« vom 22. April habe ich nach dem Loblied auf die Schönheit auch über Mikes Verhalten und unseren Gang zu Polizei geschrieben, über sein Persönlichkeit auch schon am 29. Februar unter »Patriarchale Autorität«.

Unser Bericht bei der Polizei führte nicht zu einer Anzeige, weil auch der von uns mitgebrachte Übersetzer von Mike bedroht worden war und er deshalb von der Polizei (zu Recht) als befangen gewertet wurde, obwohl er der am wenigsten Bedrohte war und deshalb gar nicht zur Polizei gegangen war, sondern nur, um zu übersetzen. So konnte dort er, der am wenigsten Geschädigte etwas zu Protokoll geben, für ihn übersetzte ich zwischen Englisch und Deutsch. Mike erhielt daraufhin eine Vorladung zur Polizei, dort kam dann ein bestellter und unbefangener Übersetzer, Mike tat seinen Standpunkt kund und bedrohte anschließend die gesamte WG noch krasser als vorher: Wer ihn verpetzen würde, den bringe er um.

Mike prahlt gerne, deshalb nehmen wir nicht alles, was er sagt, ernst. Er hat mir jedoch erzählt, er sei vier Jahre bei der afghanischen Polizei gewesen, darunter zwei Jahre bei von den Amis trainierten »Special Forces« (ein Bild davon zeigte er einigen von uns auf seinem Handy, er ist da in voller Kriegsrüstung zu sehen), darauf ist er sehr stolz. Er mag einen kindlichen Charakter haben, unsicher sein und leicht erregbar, aber das macht ihn nur noch gefährlicher. 

Schützt uns die Staatsgewalt?

Männerrunde im Connectionhaus, wir sprechen über Mike
Männerrunde im Connectionhaus, wir sprechen über Mike

Das Thema ist nun schon mehr als drei Monate alt. Wir haben mit Mike vieles versucht: In der WG stehen sieben gegen einen, dagegen müsste er doch eigentlich, in dieser Minderheit von 12.5 %, machtlos sein. Da seine Drohungen jedoch die von ihm erwünschte Wirkung zeigen, sie schüchtern seine Mitbewohner ein, funktioniert das System für ihn ja einigermaßen. Ich habe als Senior und Hausverwalter agiert in einer Rolle, die Mike ansonsten respektiert – nur nicht in punkto seiner Gewaltandrohungen in der WG. Er hat sozialen Druck erhalten und immer wieder Ermahnungen, dass er so nicht weitermachen könne. Inzwischen sind zudem vom Landratsamt seine Bezüge gekürzt worden, aber da er sich im Haus sein Essen zusammenstiehlt, berührt ihn das nicht weiter. 

Ich habe hierzu immer wieder Gespräche mit der WG. Die sieben von ihm Bedrohten sind immer noch verängstigt. Inzwischen wollen einige weg von hier, ausziehen, woanders hin, notfalls weg von Deutschland. Sie sind aus ihrem eigenen Land vor der dortigen Gewalt geflohen, nun haben sie hier wieder einen Gewalttätigen vor der Nase, wozu sind sie dann überhaupt nach Deutschland gekommen, fragen sie sich. Im Gespräch verweisen sie mich darauf, dass in Afghanistan ein Übeltäter wie er vom Clan der betroffenen Familien verprügelt worden wäre, sowas würde funktionieren. Heute erwähnten sie sogar, dass einem mehrfachen Dieb gemäß der Scharia die Hand abgehackt wird. Gruselig. Eigentlich wollen sie das nicht, und sie werden es hier in Deutschland auch nicht tun oder gutheißen, aber die Erschütterung über die Hilflosigkeit der hiesigen Strukturen gegenüber einem Übeltäter wie Mike ist sehr zu spüren und kratzt stark am positiven Bild, das sie alle von Deutschland eigentlich haben. 

Den Übeltäter outen

Ich habe ihnen deshalb den Vorschlag gemacht, Mike in meinem Blog zu ‚outen‘. Wie fändet ihr das? Teils verhaltene Reaktionen, teils Freude. Und was würde das bringen? Ich antwortete: Wenn Mike eine Arbeit sucht (alle diese Jungs wollen Arbeit) oder wenn er in einer neuen WG, in die er versetzt werden könnte, dasselbe Terrorregime aufzuziehen versucht, braucht man nur seinen Namen zu googeln und findet dann seine Vorgeschichte. Heutige Arbeitgeber tendieren immer mehr dazu, die Namen der Bewerber für einen Arbeitsplatz vorab zu googeln. Auf die Art bekäme Mike keinen Job. Da kam schadenfrohes Lachen von einem in der Runde, die anderen grinsten oder schauten angespannt ausdruckslos. Eine Woche später fragte ich nochmal nach: Wollt ihr das? Ja, sie wollen es. Es ist eine Art des »an den Pranger« Stellend, was ich da mache, eine im Mittelalter praktizierte Methode, aber vielleicht hilft sie in diesem Falle. Nicht wegen der Schadenfreude seiner Mitbewohner oder um ihn für seine Schandtaten zu bestrafen, tue ich das, sondern aus den folgenden zwei Gründen: 

Erstens wird durch die Beschreibung ein Wirkmechanismus sichtbar, der vermutlich auch an anderen Stellen im Land und auf der Welt auftritt und, so beschrieben, leichter behandelbar ist. Zweitens könnte Mike auf diese Veröffentlichung hingewiesen werden und ihm angeboten werden, das wieder zu löschen, wenn er sein Verhalten ändert. Es erwartet zwar keiner, der Mike kennt, dass er sein Verhalten ändern wird, aber wer weiß. Ich finde, dass man einem Übeltäter immer die Chance geben sollte, sein Verhalten zu ändern: Strafe als Korrekturmaßnahme, nicht als Rache. 

Lust am Dominieren

Hier nun das Foto von Mike (ich habe es gerade gelöscht, und ebenso seinen offiziellen Namen, heute, am 23. 6. 16). Ich habe von ihm die Zustimmung zur Veröffentlichung bekommen (von allen anderen im Haus übrigens auch). Das war zwar zu einem anderen Anlass, aber ohne Einschränkung. Angeblich ist er 1994 geboren, er ist also jetzt circa 22 Jahre alt. Das Geburtsdatum zählt in Afghanistan traditionell nicht als wesentliches Kriterium der Identität; die meisten der Afghanen, die hierher kommen, wissen es nicht einmal und geben auf Befragen den deutschen Behörden den 1. Januar das Jahres an, in dem sie (vermutlich) geboren sind. Mike kommt aus dem Südosten von Afghanistan. Er hat Geschwister, und seine beiden Eltern leben noch. Nach dem, was er mir erzählt hat, kommt er aus einer im üblichen Sinne intakten Familie, die nicht ungewöhnlich viel Gewalt erlebt hat. Irgendwo hat er sich eine Hepatitis zugezogen, man sieht es an seinen Augen, sie ist noch nicht ausgeheilt. 

Mike ist kräftig, gut durchtrainiert, mit schnellen Bewegungen und in der Begegnung mit Menschen ohne Taktgefühl für angemessene Distanz, man hat da schnell das Gefühl, ihn ‚im Gesicht‘ zu haben. Psychotherapeutisch geschulte Augen sehen in ihm das verletzte Kind, das sich irgendwann mal geschworen hat, sich nie wieder verletztlich zu zeigen, vielleicht ausgelöst durch eine frühe Missbrauchserfahrung. Der Aufwand, den er betreibt, um körperliche Überlegenheit zu demonstrieren ist immens, ebenso die Risiken, die er dabei eingeht. Die Lust am Dominieren ist ihm anzusehen, zugleich auch die Angst, in eine Situation zu geraten, in der er sich als unterlegen erweisen könnte. Als neulich seine ganze WG zum Asyl-Gespräch nach Deggendorf eingeladen war (sie wurden sogar im Kleinbus hier abgeholt), verdrückte er sich, weil »er Angst hatte, sie könnten ihn dort festnehmen«, mutmaßte einer seiner Mitbewohner. 

Das kleinere Übel wählen

Wenn man nicht der direkt von ihm Bedrohte ist, fällt es nicht schwer, mit Mike Mitleid zu haben. Wie auch immer sein Psyche gebaut ist und wie schwer auch immer seine Kindheit gewesen sein mag – er darf er hier kein Terrorremime errichten, auch wenn es in diesem Fall nur das Bedrohungsszenario eines Psychopathen in einer WG ist. Die strukturelle Ähnlichkeit mit dem, was »da draußen in der großen Politik« vorgeht, finde ich erstaunlich und bemerkenswert. Mein Part als derjenige, der hier Mikes Bild und die Geschichte dazu an die Öffentlichkeit bringt, ist mir dabei nicht angenehm. Die Fortsetzung seines Regimes in der WG aber wäre mir noch unangenehmer. 

Diesen Blogeintrag habe ich am 5. Juni geschrieben. Heute, am 23. Juni, habe ich hierin ein paar Veränderungen gemacht und zu dem Eintrag selbst einen Kommentar geschrieben (siehe weiter unten), der die aktuelle Situation beschreibt und die Gründe für die Veränderungen nennt.

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Diskussion zu: Kleine Welt, große Welt

  1. Na, lebt noch jemand in der WG ?
    Kann mir die Situation gut vorstellen und möchte dort nicht eine Stunde verbringen. Die Idee mit der Veröffentlichung finde ich gut. Sehr gut.
    Die Gefahr für die Gemeinschaft dürfte aber trotzdem steigen. Ich gehe davon aus, daß es auf kurz oder lang zu einem ernsthaften Zwischenfall kommen wird.
    Alles Gute.

  2. „Mitleid mit den Wölfen ist Unrecht gegen die Schafe“
    Das empfinden die Teilnehmer der Gemeinschaft wohl gerade.

  3. Lieber Wolf,
    was Du da schilderst, wirkt auch aus der Ferne für mich bedrückend. Umso bewundernswerter finde ich Dein Engagement.
    Dir und Deiner Hausgemeinschaft wünsche ich, dass sich eine gute Lösung für das Problem finden lässt.
    Barbara

  4. Hallo Valery, wir alle leben gut in der WG. Die oben im Dachgeschoss, sind, wenn Mike da ist, unter Spannung. Das kennt man ja auch aus deutschen WGs und Familien …. Ich selbst habe Mike gegenüber keine Angst. Das Outing ist eine Selbsthilfemaßnahme. Grundsätzlich geht es uns nicht schlecht im Connectionhaus, aber manchmal gibt es eben auch bei uns unwillkommene Situationen wie jetzt die mit Mike, die einen herausfordern, und mit denen man kreativ umgehen muss. Grüße, Wolf

  5. Euer Vorgehen nach der vorangegangenen erlebten Hilflosigkeit erinnert mich an die Prozesse, die Haim Omer beschreibt, Antworten auf Gewalt zu finden. Sein Credo und auch der Titel eines seiner Bücher: „Stärke statt Macht“. Darin ist das Prinzip der Veröffentlichung und Transparenz ebenfalls ein bedeutender Faktor. Vielleicht kann es eurer WG helfen nochmehr konstruktive Handlungsoptionen zu erkennen und anzuwenden. Denn auch Maik selbst will nicht unter einer Gewaltherrschaft stehen!

  6. „Mitleid mit den Wölfen ist Unrecht gegen die Schafe“, jaja, die Medaille hat zwei Seiten.
    Lieber Sugata, ich finde das auch ziemlich bedrückend, was du da schilderst. Leider passiert das, dass eine einzige gewaltenthemmte Person eine ganze Gruppe in Angst und Schrecken versetzen kann. So wie du ihn schilderst, scheint „Mike“ so „zu“ zu sein, das ihn „Offenes“ gar nicht erreichen kann. Geht nicht, zu weit weg. Ich denke, nur schmerzhafte Konsequenzen (Berührung auf diese Art) helfen: Entweder eins auf die Nuss (ganz schnell) oder der Weg, den du jetzt gewählt hast.
    Mögt ihr wohlbehalten diese Situation durchstehen, alles Gute.
    „Mike in einer WG mit Sportboxern“ geht mir durch den Sinn…

  7. Mir ist aus dem Bericht nicht klar geworden, warum der Gang zur Polizei nichts fruchtete. Dass auch der Übersetzer betroffen ist, sollte doch eigentlich nichts ausmachen, denn üblicherweise manchen Menschen Anzeigen, die von einer Straftat betroffen sind. Und beim 2.Versuch hat doch ein anderer übersetzt – warum kam es da nicht zur Anzeige?

    Mir wäre an deiner Stelle wohl der Friede im eigenen Haus wichtiger als die Überlegungen der Asylsozialbetreuer. „Sozialbetreuer“ sind ja vermutlich nicht die, die letztlich über Verbleib entscheiden – und wenn du hochoffiziell die zuständige Institution anschreibst, dass du erwägst, die ganze Einrichtung nicht weiter zu betreiben, wenn Mike nicht umzieht, dann denken die vermutlich neu nach…

    Ich drücke dir die Daumen, dass sich das alsbald irgendwie klärt!

  8. Hallo Claudia, warum der Gang zur Polizei nur wenig fruchtete ist im einzelnen recht kompliziert, deshalb hatte ich das in meinem Bericht nur angedeutet. Die erst Berichtswilligen, die bereit waren ihn anzuzeigen, hatten dann Angst, von irgendwem in der Sache verpetzt und dann von ihm bestraft zu werden, das heißt, sein kleines Terrorregime in der WG funktionierte in gewisser Hinsicht. Aber auch nur in gewisser Hinsicht. Zudem hat die Polizei ja reagiert, wobei ich aber nicht weiß genau wie – den zuständigen Polizeikommissar habe ich hierzu befragt, aber er ist mir gegenüber zur Verschwiegenheit verpflichtet, weil ich weder der Anwalt von Mike noch der der Geschädigten bin; soweit ist es ja noch nicht, dass es hier Anklage und Verteidigung und das Recht auf Einsicht in Akten gibt, usw., es ist erstmal nur ein häuslicher Streit (sozusagen im Wasserglas), den ich hier als Abbild des Großen im Kleinen so gut es eben geht zu beschreiben versucht habe.

  9. Bei allem Verständnis für Eure Situation habe ich Bauchschmerzen mit dem, was Ihr hier macht. Der Rechtsstaat kann seine Verpflichtung oft nicht einhalten, aber ihn aus der Verpflichtung zu entlassen kann keine Lösung sein.
    Die Opfer müssten ermutigt werden, den zivilen, rechtsstaatlichen Weg zu gehen und Anzeige erstatten.
    Es mittels eines Online-Prangers quasi selbst in die Hand zu nehmen finde ich sehr problematisch. Vielleicht ist es sogar illegal, immerhin beschuldigt Ihr jemanden, der nicht rechtskräftig verurteilt ist, öffentlich konkreter Straftaten. Das könnte nach hinten losgehen.

  10. Hallo Arnd, ja, es ist problematisch, das weiß ich. Ich habe mich trotzdem für diesen Weg entschieden, weil „die Opfer“ aus den genannten Gründen eben nicht den vom Rechtsstaat angeratenen Weg gehen (können oder wollen). Da scheint der Rechtsstaat eine Lücke zu haben, anscheinend gibt es da Nachbesserungsbedarf. Und ich bin mit den Behörden in der Sache in Kontakt, sowohl mit dem Landratsamt wie mit der Polizei. Wie du weißt, ist das kein Alleingang von mir. Ich habe dafür Rückendeckung von der WG, und ich wünsche sie mir auch vom LRA (das bisher schweigt) und der Polizei (ebenso).
    Heute kam eine weitere Idee auf: Mike zu versetzen, aber nicht in eine WG von Lämmern, wo er wieder den Löwen spielen kann, sondern in eine WG von Löwen (d.h. von Flüchtlingen, die in ähnlicher Weise auffällig geworden sind wie Mike). Wir sind gerade dabei in dieser Sache die Fühler auszustrecken zu denen, die das bewirken können.

  11. wachsam / intellektuell / loyal /
    misstrauisch / komplex :::
    das sind nach dem chin. horoscop
    die grundeigenschaften von ‚Mike‘,
    geb. 1994 (..), ein Holz(Wind)Hund.

    mein tip ist = cool bleiben.
    nicht ueberreagieren.
    doch feste position beziehen.

    Viel Glueck *

  12. Habt ihr denn einmal überlegt, dass Mike Hilfe braucht? Für mich klingt es danach, dass er traumatisiert ist. Was genau passiert ist, kann man wohl nur mutmaßen. Ich weiß nur, dass viele Menschen aus diesen Ländern aufgrund des Krieges und den menschenverachtenden Lebens- und Fluchtsituationen traumatisiert sind.
    Was wäre denn in diese Richtung eine nachhaltige Lösung? Was braucht Mike? Bin etwas verwundert, dass du darüber gar nichts schreibst.

    Daneben finde ich es legitim, eine Grenze zu ziehen und als Gemeinschaft zu sagen, dass ihr Mikes Verhalten nicht mehr tragen könnt und er deswegen gehen muss. Er ist ja kein kleines Kind mehr und muss mit den Konsequenzen seines Verhaltens umgehen. Dass er nicht gewollt ist, wenn er sich gegen alle stellt, gehört wohl dazu….

    Viel Kraft für Eure Arbeit, ich finde es toll, wie viele Gedanken ihr euch macht.

  13. Hallo Uta,
    natürlich haben wir uns überlegt, was Mike braucht und haben ihn auch gefragt. Er braucht einen Job, sagt er, Geld, eine Freundin und Mitbewohner, die sich ihm unterwerfen. Dass er unterhalb von dieser Ebene noch etwas anderes brauchen könnte, ist ihm nicht bewusst – oder er hat nicht den Mut es auszusprechen. Er hat bereits mehr Zuwendung von uns und den Autoritäten bekommen als die friedlicheren Bewohner seiner WG. Ich will seine Regelbrüche nicht dadurch noch belohnen, dass sie ihm noch mehr Aufmerksamkeit bringen, die er genießt – aber leider ohne sein Verhalten zu ändern.
    Inzwischen hat das Landratsamt (LRA) ihn in woandershin verlegt, sagt uns aber nicht wohin. Aus Datenschutzgründen heißt es. Nicht einmal die Asylsozialbeauftragte weiß, wo er ist, sagt sie. Das finde ich von Seiten des LRA keinen guten Umgang damit. Wir befürchten, dass er an seinem neuen Wohnort wieder dasselbe macht wie bisher. Klar braucht er Heilung! Aber es brauchen auch die anderen Schutz vor ihm. Er fühlt sich ja nicht krank, sondern empfindet seine Art, die anderen durch Drohungen und körperliche Einschüchterung zu dominieren (inkl. Watschen und kleine Diebstähle) als ’seinen Stil‘, den wir doch bitte akzeptieren möchten, so sei er halt, sagt er.
    Grüße, Wolf

  14. Der Gang zur Polizei ist leider nicht immer so nützlich, wie man sich das denkt. Ich habe auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Selbst betroffen von einer Unrechtmäßigkeit, Anzeige erstattet, und dann wird das ganze von der Gegenpartei einfach umgedreht und plötzlich steht man selbst als Angeklagter da…. Unser Rechtstaat ist oft nicht so gerecht, wie wir es glauben… Leider. Alles Gute für diese Angelegenheit!

  15. Heute ist der 23. 6. 16, ich hatte heute Besuch vom Landratsamt Mühldorf in Sachen Mike. Dabei wurde mir freundlich, aber bestimmt empfohlen, den Blogeintrag von Mike zu entfernen, ich könne sonst Strafanzeige bekommen von einem Staatsanwalt oder einem von Mike beauftragen Anwalt – falls Mike es denn merkt, dass er dort angeprangert wurde.
    Ich hatte in der Sache ja sowohl das Landratsamt wie die Polizei mehrfach informiert, weil ich mir von ihnen Unterstützung erhofft hatte. Von der Polizei kam keine Reaktion (bisher – und das ist nun ein paar Wochen her), vom Landratsamt schon. Das Landratsamt hat Mike nun vor ein paar Tagen in eine andere WG verlegt. In welche? Das dürfen sie mir nicht sagen, sagten sie, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. Es kommen hier Briefe für Mike an, wir können sie ihm nicht nachsenden. Er hat bei seiner Verlegung ein zu unserem Haus gehörendes Fahrrad ‚mitgehen lassen‘. Das muss er zurückgeben, sonst zeige ich ihn wegen Diebstahl an, teilte ich dem Landratsamt mit, und sie leiteten das dann an ihn weiter. Daraufhin hat er das Fahrrad zurückgegeben. Er hatte inzwischen sogar eine freundliche Begegnung mit dem Blinden aus unserer WG, den er hier als ersten körperlich angegriffen hatte, sagten mir die beiden vom Landratsamt heute.
    Ob solch ein Outing wirklich strafbar ist? Da bin ich mir nicht so sicher. Die Pressefreiheit ist bei uns sehr weit gefasst und erlaubt, über Missstände zu berichten. Das hier ist offenbar ein Missstand, und es ist kein Einzelfall. Darf man bei Missständen auch Namen nennen? Bei Personen, die ‚in der Öffentlichkeit stehen‘, wie etwa Politiker, darf man das. Bei Amtsträgern? Das könnte ein delikater Grenzfall sein. Mike ist hier aber als Privatperson, da schützt ihn das Persönlichkeitsrecht sehr weitgehend. Deshalb, auch deshalb, habe ich seinen Namen und sein Foto jetzt aus meinem Blog gelöscht. Aber ich habe nicht die ganze Geschichte gelöscht, denn über Missstände muss man berichten dürfen.
    Schweigen und Hinnehmen mag von religiösen Autoritäten angeraten werden als ein Weg zur Seligkeit, aber es ist kein Weg, um eine Gesellschaft zu verbessern. Es scheint mir hier eine Lücke zu geben in der Gesetzgebung und der Struktur der zuständigen Behörden. Bei einem solchen unerwünschten Sozialverhalten wie dem von Mike greifen die vorhandenen Strukturen nicht, und Mike ist schlau genug, diese Lücke für seinen ‚Bagatell-Terrrorismus‘ zu nützen. ‚Bagatell-Terrrorismus‘, so nenne ich das jetzt mal, denn juristisch ist es eine Bagatelle, und er hat ja noch niemanden körperlich ‚medizinisch relevant‘ verletzt. Er stiehlt und schüchtert seine Mitbewohner durch Drohungen ein (deshalb das Wort ‚Terror‘, Schrecken; dadurch, dass er andere bedroht und erschreckt, schützt er sein Regime). Solch ein Verhalten ist angesichts gravierenderer Straftaten eine Bagatelle, aber es ich schlimm genug, dass wir – die Bewohner, die Behörden, die Gesetzgeber – sich da Lösungen ausdenken sollten, wie man am besten mit sowas umgeht.
    Das Bedürfnis, dafür echte Lösungen zu finden, habe ich bisher bei den Behörden noch nicht angetroffen. Schaun wir mal, vielleicht kommt ja noch was, aber bisher bewegt sich da nichts. Außer, das Mike in eine andere WG verschoben wurde, aber das betrachte ich nicht als Lösung, und auch alle anderen, die ihn hier im Haus erlebt haben, betrachten das nur als Problemverschiebung und nicht als Lösung.
    Meine beiden Besucher/innen vom Landratsamt schienen zu fürchten, dass ich auch bei ihnen Personennamen nennen könne. Das will ich nicht. Sie haben sich ja nichts zuschulden kommen lassen, warum sollte ich da Namen nennen, und ich glaube wirklich nicht, wie ich auch schon bisher im Blog geschrieben habe, dass hier ein persönliches Versagen von einem Amtsträger zu beanstanden ist. Die Amtsträger haben sich bisher mir persönlich und diesem Haus gegenüber überwiegend als großzügig und jedenfalls wohlwollend gezeigt, sie haben ihre Spielräume ausgeschöpft, um Gutes zu bewirken, teils unter enormen persönlichen Belastungen, die ihnen der Ansturm von Flüchtlingen verschafft hat, auf den ‚das System‘ ja nicht vorbereitet war. Ich hier kritisiere hier nicht Personen, sondern eine Eigenschaft des Systems. Das System scheint mir hier eine Lücke zu haben im Umgang mit solchem ‚Bagatell-Terrorismus‘. Vielleicht auch generell im Umgang mit Gewalt. Das ist für ich der Grund, darüber zu berichten.

  16. Lieber Wolf,
    könnte es denn für euch eine Lösung sein, die friedlichen Bewohner der WG zu stärken? Denn das Regime von Menschen wie Mike fusst auf der Angst der anderen. Hätten diese die Angst nicht mehr, verlöre jemand wie er seinen Status als Bedroher.
    Vielleicht könntet ihr eine/n Kampfkunstlehrer/in finden, die/der ehrenamtlich unterrichtet – ganz im Sinne der Kampkünste: Der beste Kampf ist der, den man nicht kämpfen muss.
    Die friedlichen Bewohner würden sich durch solchen Unterricht jedoch möglicherweise stark genug fühlen, um keine Angst mehr zu haben vor Mike und seinesgleichen.

    Hut ab vor eurem Mut!
    Liebe Grüße, Anja

  17. Hallo Anja,
    genau das hab ich bzw. haben wir ja getan: die friedlichen Bewohner stärken. Haben sie genug Zivilcourage, um Mike anzuzeigen? Diese Frage stellte mir gestern jemand (vom LRA), und ich sagte: Ich glaube, sie haben eher überdurchschnittlich viel Zivilcourage. Unser Sozialsystem sollte an sich aber den Anspruch stellen, mit solchem ‚Bagatelle-Torrorismus‘ so umgehen zu können, dass auch durchschnittlich Zivilcouragierte vor Gewalt geschützt sind. Absoluten Schutz vor Gewalt gibt es natürlich nicht, und wir dürfen die Bildung eines perfekten Staates in unserer Bequemlichkeit (als Couch-Kartoffeln vor dem Fernseher, wo wir uns grad noch die Programmwahl per Fernbedienung zutrauen) auf keinen Fall nur den Autoritäten überlassen, weil wir ab und an mal Angst haben. Angst gehört zum Leben, auch die Angst, dass einem mal Gewalt angetan werden könnte. Und doch … es braucht auch den Verbesserungswunsch, der treibt die gesellschaftliche Entwicklung voran. Mike ist übrigens verlegt worden, das schrieb ich hier schon gestern Abend ins Blog. Damit ist das Problem verschoben, aber nicht gelöst.
    Deine Idee mit dem Kampfkunsttrainer finde ich gut! Genau sowas schwebt/e auch mir vor, ich habe schon danach gesucht und ein paar Menschen angesprochen, ob sie das bei uns machen würden. Die Stellenanzeige (hehe) ist hiermit nochmal mehr an der Öffentlichkeit!
    Grüße
    Wolf

  18. Hallo Wolf,

    mir kommen die Bewegungen im „System“ rund um „Mike“ gar nicht so klein und unwesentlich vor, wie du es hier schilderst: Die Begegnung mit dem blinden Mitbewohner hat wohl sogar ihn spüren lassen, dass (herzliche) Verbindung entstanden ist, obwohl seine (geprägten) Abwehrmuster das um jeden Preis zu verhindern scheinen.

    Traumastrukturen (Gewalterfahrungen) sitzen tief in der Identität eines Menschen. Mike hat als Kind sicher viel Gewalt hilflos und wehrlos über sich ergehen lassen müssen und ist deshalb so geworden wie er heute erscheint. Das sind Erfahrungen, die über Jahre hinweg wirksam waren – das lässt sich nicht einfach und schnell „ausradieren“.

    Mich persönlich würde wirklich interessieren, was dieses „verletzte Kind“ durchmachen musste … Vielleicht ergibt sich ja sogar noch eine Gelegenheit, wo du (und er gemeinsam?) seine Geschichte öffentlich machen könntest, oder vielleicht die schlimmen Geschichten und Erlebnisse anderer Flüchtlinge.

    Wandlung solch traumatisch geprägter Persönlichkeitsanteile braucht (nach meiner therapeutischen Erfahrung) immer zunächst eine Würdigung, für was sie (irgendwann) als Not-Lösungen gut waren. Und als nächstes braucht es für den Betroffenen ein Erleben, dass sich die Situation wirklich geändert hat, dass er selbst nicht mehr an Leib und Leben bedroht ist und deshalb kein Not-Überlebens-Programm mehr angesagt ist.

    Von daher ist es meines Erachtens gut, wenn er woanders wieder auf freundliche Menschen trifft, die ihm nochmal eine Chance geben und an die positiven Entwicklungskräfte in ihm glauben. Nur so kriegen die eine fruchtbaren Boden, sich (vielleicht) entfalten zu können.

    Mit herzlichem Gruß
    Marianne

  19. ich würde mich als „Opfer“ fragen, warum mir das widerfährt. Was ich dazu beitrage, dass Mike sich so verhält. Wenn ihr euch selbst als Opfer seht, wundert euch nicht, wenn man euch so behandelt. Für mich gibt es keine Zufälle. Das System schafft sich seine Herausforderungen, an denen es wachsen kann. Ich würde mich nicht als Opfer sehen, generell nicht, sondern (ganz ehrlich) mich fragen, was ich denke/fühle/tue und somit energetisch aussende, dass ein anderer sich so verhält und diese gewaltvolle Seite, die jeder Mensch in sich trägt, mir gegenüber zeigt, und was gibt es für mich noch zu lernen/zu erfahren, dass diese bestehende Situation zu mir kommt, und wie möchte ich, dass es ist? Ich habe mit Menschen gearbeitet, die ihr gesamtes Leben im Gefängnis verbracht haben. Warum sollte ich diesen Menschen keinen Respekt, keine Liebe, kein Mitgefühl entgegenbringen? Es gibt einen traurigen Grund, dass Menschen Dinge tun, die anderen wehtun (und ihnen so zum Erwachen helfen). Wer darauf vertraut, dass Liebe im Herzen, Mitgefühl und ein friedlicher Geist dasselbe anzieht, der wird genau diese Erfahrung machen. Ihr seid die Schöpfer eurer Realität und könnt das Licht wählen. Also, kurz gesagt, ich würde Buddhismus, Yoga und Tantra-lehre studieren und praktizieren. Das ist in der Gemeinschaft umso freudvoller (Smiley)

  20. Liebe Anni, danke für diesen Kommentar! Er bringt ein paar der Mainstream-Esoterik-Überzeugungen so wunderbar aufn Punkt, dass ich diesen Kommentar nicht löschen, sondern beantworten möchte, denn ich meine (zu meinen großen Schrecken), dass viele Menschen so denken wie du. Hatten denn die Millionen von Juden, die von den Nazis vernichtet wurden, die Armenier, die von den Türken vernichtet wurde, die Opfer des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha und der Kulturrevolution in China (um mal ein paar Extremfälle herauszupicken) haben die alle „nicht genug Liebe im Herzen“ so dass sie sich diese schreckliche Realität erschaffen haben? Das kann doch nicht die Antwort sein. Es stimmt ja, dass wir durch unsere Wahrnehmungsfilter in hohem Maße die Welt, die wir erleben mitgestalten, aber dass wir uns „die Realität erschaffen“, selbst erschaffen, wir allein als Schöpfer, dass stimmt nicht. Das ist ein ganz großer, gefährlicher, leider sehr weit verbreiteter esoterischer Unsinn, der allzu leicht politisch missbräuchlich ist und politisch missbraucht wird. Liebe Grüße, Wolf

  21. Ich kann Wolf nur zustimmen. Mit allem Respekt, das ist esoterisch verbrämtes victim blaming.
    Glauben Sie ernsthaft, Anni, dass M. seine Opfer in Ruhe lassen würde, wenn diese mit Hilfe von Buddhismus, Yoga und Tantra ihre energetische Ausstrahlung verbesserten?
    Glauben Sie ernsthaft, dass Gewalttäter ihren Opfern „beim Erwachen helfen“?

    Ja, es gibt Menschen, die eine Art Opfer-Ausstrahlung haben, unsicher wirken usw. und deshalb häufiger Opfer werden, und die sollten ermutigt werden, sich besser zu behaupten. Aber das ändert ganz genau nichts an der Verantwortung des Täters.

    Und ja, auch Täter sind fast immer zuerst Opfer gewesen. Und sie brauchen Hilfe. Aber die potentiellen Opfer können nicht warten, bis der Täter seelisch geheilt ist, und solange die Gewalt dulden.

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