15. Dezember 2015
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Rubriken: Rezensionen
Ein Kommentar

Im Kino: »Unsere kleine Schwester«

Japanische Lebensart

Kinostart: 17. 12. 2015

Bewertung4 Sterne sehr gut

Hirokazu Kore-Edas Film Unsere kleine Schwester, der auf die Graphic Novel Umimachi Diary von Akimi Yoshida zurück geht, entfaltet einen ganz eigenen Zauber. In ruhigen, anmutigen Bildern, unterlegt mit schwungvoller Musik, wird das Panorama der Küstenstadt Kamakura, nahe Tokio, im Wechsel der Jahreszeiten entfaltet. Hier leben drei Schwestern, moderne, berufstätige junge Frauen, in ihrem weitläufigen, alten Haus. Ihr Vater hat vor 15 Jahren die Familie verlassen, ein Skandal und Affront, der die Mutter veranlasste, ebenfalls weg zu gehen. Das erfahren wir nur in Andeutungen. Die Älteste, Sachi (Haruka Ayase), sorgte seitdem für die beiden Jüngeren.

Nun kommt die Nachricht, dass der Vater verstorben ist, und die Drei fahren zum Begräbnis in eine gebirgige Gegend. Am Bahnhof abgeholt werden sie von ihrer ihnen bis dahin nicht näher bekannten vierzehnjährigen Halbschwester Suzu (Suzu Hirose). Wie sich bald herausstellt, lebt diese nur geduldet bei ihrer Stiefmutter, der dritten Frau und nun Witwe des gemeinsamen Vaters. Sachi schlägt vor, dass Suzu zu ihnen ziehen soll, und so geschieht es. Das alles vollzieht sich mit wenigen Worten, in zeremonieller Höflichkeit, durch die doch die tiefen Gefühle der Beteiligten durchschimmern. Nichts Aufregendes passiert. Zwar muss sich Suzu in die neue Schule eingewöhnen, es gibt berufliche Veränderungen, die Krankheit einer befreundeten Gastwirtin, Totenfeiern, das Wiederauftauchen der Mutter und Abschiede, doch Konflikte werden nicht lautstark oder gewaltsam ausgefochten. Niemand kämpft gegen den Lauf der Dinge. Menschen und Schicksale kommen und gehen. Sachi, gegenüber der kleinen Schwester in der Mutterrolle, entwickelt Verständnis für die Entscheidungen ihrer eigenen Eltern, die sie früher nur als egoistisch und unmoralisch wahrgenommen hat.

Eine verbindende Rolle spielen immer wieder das Essen und die Zeremonien für die Ahnen. Die Verstorbenen sind Teil des Lebens und ihre Lieblingsgerichte eine Brücke zu den Nachkommen. Die Schwestern sind fröhlich und selbstbewusst, aber weit entfernt vom westlichen Kult des Individualismus. Letztlich bestimmen Zugewandtheit und Rücksichtnahme ihr Verhalten. Es ist wohltuend, für zwei Stunden in diese sanfte, aber nicht seichte, spirituell geprägte Welt einzutauchen und sich von der Pracht der Kirschblüte überwältigen zu lassen.

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Diskussion zu: Im Kino: »Unsere kleine Schwester«

  1. Das klingt interessant.
    Gerade weil man da mit sehr viel Ambivalentem in Berührung kommen mag.
    Im September las ich ein Buch vom Hirnforscher Georg Northoff zur unterschiedlichen Erlebniswelt von Asiaten und Europäern. Er zeigte sehr schön auf, welche Unterschiede es gibt und wie sie dem jeweils anderen Kulturkreis näher gebracht werden können.

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