23. Dezember 2015
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Rubriken: Humor, Persönliches
3 Kommentare

Gott als Vertragspartner

Ganz der Alte

Seinen ersten Vertrag mit Gott schloss Hannes im Alter von acht Jahren an dem Tag, an dem er ein Gespräch zwischen dem Hausarzt und seinem Vater belauscht hatte. Der sonst bärbeißige Doktor sagte mit ungewohnt sanfter Stimme: „Herr Gerhardt, da kann man nichts mehr machen. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.“

Der Vater fragte: „Wie viel Zeit bleibt ihr noch?“

„Das weiß Gott allein“, antwortete der Arzt, verabschiedete sich, trat aus dem Wohnzimmer und wuschelte im Vorbeigehen in Hannes‘ Haaren, der betreten und stumm in der Diele stand.

Hannes ging zu seiner Mutter, die im elterlichen Schlafzimmer blass und mit geschlossenen Augen unter dem dicken Federbett lag.

„Lass sie ausruhen“, sagte der Vater, „damit sie sich erholen kann und bald wieder gesund wird.“

„Muss sie nicht sterben?“, fragte Hannes.

„Ach, woher!“, sagte der Vater munter, aber seine Lippen zitterten.

Es war ein sonniger Sommernachmittag, doch Hannes hatte keine Lust, zum Spielen hinaus zu gehen. In seinem Zimmer kniete er sich vor das Kruzifix, das über dem Kopfende des Bettes  hing und faltete die Hände.

„Lieber Gott, bitte lass sie nicht sterben. Ich werde auch nie mehr raufen und nie mehr lügen.“

Gott sagte nichts, und Hannes wertete das als Einverständnis. Dafür sprach auch, dass die Mutter zum Abendessen, das der Vater zubereitet hatte, aufstehen konnte. Sie saß in ihrem Morgenrock am Tisch, aß ein wenig Suppe und ein Viertel von einem Butterbrot. Sie fragte Hannes, ob in der Schule alles gut gehe und was gerade in Heimatkunde drankomme.

In der nächsten Zeit war ihr Zustand schwankend, gute und schlechte Tage wechselten sich ab. Eine Pflegerin schaute zwei mal am Tag vorbei. Hannes wurde angewiesen, nach der Schule mit der Trambahn zur Großmutter zu fahren und bei ihr die Hausaufgaben zu machen. Der Vater holte ihn auf dem Heimweg vom Büro ab.

So ging das ein paar Wochen. Hannes dachte an seinen Vertrag mit Gott, aber als der Mathias ihn hänselte, weil er im Diktat so viele Fehler gemacht hatte, musste er ihm doch eine reinhauen, und als die Steffi ihm auf den Kopf zu sagte, er sei in die Irmi verliebt, da log er, niemand sei ihm so wurscht wie die Irmi.

Überhaupt ging das Leben seinen gewohnten Gang. Hannes verbrachte aber immer mehr Zeit bei der Großmutter, die Mutter stand immer seltener aus dem Bett auf, schließlich gar nicht mehr, und noch vor dem nächsten Frühling starb sie.

„Sie ist jetzt im Himmel bei Gott“, sagte der Vater und ebenso der Pfarrer bei der Beerdigung. Diese Vorstellung war tröstlicher als das dunkle, blumengeschmückte Grab.

Hannes verhandelte in seinem Leben noch öfter mit Gott. Als es um sein Examen ging (er bestand es), als er unsterblich in Anneliese verliebt war (sie nahm einen anderen), als sein Sohn von einem Auto angefahren worden war (er überlebte, zog aber seitdem ein Bein nach), als er sich um den Direktorenposten bewarb (sein Konkurrent bekam ihn, aber Hannes wechselte die Firma und stieg dort auf).

Zum letzten Mal legte Hannes Gott einen Vertrag vor, als er mit 87 Jahren im Krankenhaus lag und auf seine Operation wartete. Seine Frau war vor Jahren gestorben, die Kinder besuchten ihn pflichtschuldig ab und zu. Die meisten Freunde und Weggefährten waren schon unter der Erde, und ihm selbst ging es miserabel. Wenn Hannes rechtzeitig gemerkt hätte, wohin das alles lief, hätte er sich vielleicht umgebracht, wenn er die schwere Sünde nicht gefürchtet hätte. Aber jetzt war er schon zu schwach und unentschlossen. Nach der Operation käme das Pflegeheim und „sicher noch ein paar schöne, friedliche Jahre“, wie der Arzt gesagt hatte. Ha!

Hannes bat Gott darum, ihn aus der Narkose nicht mehr aufwachen zu lassen. Er wusste nur nicht gleich, was er ihm als Gegenleistung anbieten konnte. Sündigen kam sowieso nicht mehr in Frage.

„Wenn du mich jetzt einfach sterben lässt, Herrgott“, versprach er ihm, „werde ich endgültig an deine Güte und Allmacht glauben – und daran, dass es dich wirklich gibt.“

Hannes kam auf der Intensivstation zu sich. „Ach, Gott“, sagte er, „du machst, was du willst. Ganz der Alte.“

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Diskussion zu: Gott als Vertragspartner

  1. Mist, jetzt habe ich das mit „weiterlesen“ wieder nicht richtig gemacht.

  2. Schöne Geschichte, danke!

  3. Ja, sehr schön. Danke.

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