IGFM-Scharia

Frauenrechtlerinnen unter den Flüchtlingen

»May hat sich in Syrien als Frauenrechtsaktivistin in die Nesseln gesetzt«—Wolf

Die erste Familie, die hier im Haus ankam, hatte zwei schön geheizte Zimmer zur Verfügung, ein großes für Vater-Mutter-Kind (das war mein früheres Arbeitszimmer), und eines für den 18-jährigen Bruder der Mutter. Sie hatten vom Landratsamt Geld bekommen, hatten aber noch nichts zu essen, deshalb fuhr ich mit den beiden Männern in den nächsten Ort zum Einkaufen, denn hier in Niedertaufkirchen gibt es leider keinen Lebensmittelladen mehr. Wir fuhren zum Penny, dort hatte auch ich was zu besorgen. Der Frau an der Kasse, ich kenne sie seit langem, sagte ich, dass das meine neuen Mitbewohner seien. Payam, der Familienvater kaufte für 70 € ein, der jüngere Bruder der Mutter für 20 €. Wieviel Geld bekommen die eigentlich? Sie hätte was von 600 € gehört, sagte die Frau an der Kasse. Waaaas, so viel? Das fände ich ungerecht gegenüber den Hartz-IV-Empfängern, sagte ich, und dass ich mir nicht vorstellen könne, dass das so viel ist. Doch, das hätte sie so gehört, und das sei auch gegenüber den Rentnern ungerecht, von denen einige nicht mal 400 € bekämen. Ich prüfe das, sagte ich, und sage ihr dann, was ich rausgefunden habe. 

Wieviel Geld bekommen die eigentlich?

Zuhause schaute ich ins Internet und fand dort, dass Asylbewerber bis 2012 weit weniger als 300 € pro Monat bekamen. Aufgrund eines Bundesverfassungsgerichtsurteils wurde das dann angehoben, der Betrag liegt aber immer noch etwa 10% unter dem Hartz-IV-Niveau – für einen allein stehenden Erwachsenen z.B. liegt er bei 336 €, schreibt der SPIEGEL. Durchschnittlich seien es 352 €, steht auf bundesregierung.de. Diese Zahlen wurden mir von den Betreuern der Flüchtlingen in etwa bestätigt. Die Flüchtlinge selbst möchte ich hierzu auch noch befragen. Das Geld wird an den Landratsämtern ausbezahlt. Dort müssen sie aber erstmal hinfinden, und das zur Kassenöffnungszeiten, was oft erst nach Irrwegen gelingt. 

Für die Unterkünfte zahlt das Landratsamt die Miete und stattet die Räume mit billigen Betten, Kleiderschränken, Bettzeug und Bettwäsche aus. Die Küchen erhalten einen Elektroherd, eine Spüle und pro vier Personen einen Kühlschrank. Die Herde und Kühlschränke scheinen gute Qualität zu haben, das andere ist Billigware, es sei denn Einheimische überlassen ihnen günstig oder geschenkt gute Möbel. Die vom Landratsamt besorgten Schränke seien nach wenigen Monaten schrottreif, sagte mir einer der Sozialbetreuer (von denen hat jeder vollzeit Tätige etwa 150 Flüchtlinge zu betreuen). 

Furcht vor sexueller Gewalt

Seit den Vorfällen der Silvesternacht in Köln, wo hunderte von Frauen von Einwanderern aus Nordafrika ausgeraubt und sexuell belästigt wurden (eine Frau wurde vergewaltigt) ist die Stimmung in ganz Deutschland gegenüber Flüchtlingen gereizter als vorher. Das ist auch hier im Landkreis Mühldorf am Inn spürbar. Sozial kaum eingebundene junge Männer aus Regionen, in denen sie physischer Gewalt ausgesetzt waren, wenn die monatelang und ortsgebunden auf das Ergebnis ihres Asylverfahrens warten müssen, während sie nicht arbeiten dürfen und noch kaum Deutsch sprechen – klar, dass das als Bedrohung empfunden werden kann. Die einzelnen Menschen, soweit ich sie bisher getroffen habe, aber sind friedlich, kommunikativ und hilfsbereit. 

Handwerker

Maxem Moallem aus Homs, einer der umkämpftesten syrischen Städte, war dort akut bedroht und wohnt jetzt bei uns. Er ist 39 Jahre alt und half mir heute beim Transport eines Regals aus dem Keller ins Badezimmer einer der Flüchtlingswohnungen. Er ist Spezialist für Innenausbau und Dekoration, soviel habe ich von ihm schon per Basic English erfahren können. Heute nachmittag sind wir Facebook-Freunde geworden, was mir noch mehr von ihm gezeigt hat, auch Fotos aus seiner Heimat. Dorthin will er zurück, wenn dort wieder Frieden herrscht. Er geht gut mit Werkzeugen um und wirkt körperlich sicher und in sich ruhend. Ein Mensch, mit dem man sich gerne befreundet.

Frauenrechtsaktivistinnen

burka_muell_igfmMaxems Kusine May Moallem ist auch mit in der Wohnung, zusammen mit Seyn, einem neunjährigen Jungen mit klaren, freundlichen Augen. Wir dachten erst alle, dass der Junge ihr Sohn sei, aber er ist ihr Neffe. Er hat seine Mutter verloren, nun zieht seine Tante ihn auf.

May hat sich in Syrien als Frauenrechtsaktivistin so sehr in die Nesseln gesetzt – vor allem durch Botschaften auf ihrer Facebookseite –, dass sie Morddrohungen erhielt und fliehen musste. Ihren Bruder hatten Sunni-Extremisten zu töten versucht, er überlebte nur durch großes Glück und ist jetzt in Syrien im Krankenhaus. Nun zieht sie den Sohn ihres Bruders auf. 

May und Maxem gehören der Minderheit der Alawiten an (in Syrien 12% der Bevölkerung), zu denen zwar auch die Regierung von Assad zählt, die aber im Land einer überwältigenden Mehrheit von Sunniten ausgesetzt ist, von denen viele die Alawis für Ungläubige halten, »schlimmer als Christen und Juden«. Zu den Alawiten gehört auch Loubna, die sich ebenfalls unter Einsatz ihres Lebens für Frauenrechte eingesetzt hat, unterstützt von ihrer Mutter, bedroht von ihrem Vater, der bei der Polizei ist und ihre Mutter hat ermorden lassen, sagt Loubna, weil die zu ihrer Tochter hielt. Das Interview des britischen Guardien mit Loubna vom November 2012 findet man auf Youtube.

In meinen Editorials habe ich schon mehrfach einen Aufstand der Frauen gegen das Patriarchat gefordert, der auch in den islamischen Gesellschaften stattfinden müsse. Nun treffe ich hier im Haus eine Aktivistin, die genau das getan hat – unter Einsatz ihres Lebens und bin stolz darauf, sie bei uns beherbergen zu dürfen. Möge sie damit in unserem Land Erfolg haben! 

Ich hoffe, dass ich in den nächsten Tagen ein paar unserer neuen Bewohner auch fotografieren darf. Ich muss vorher fragen, ich will ja keinen gefährden. Dass ich Maxem und Mays Namen und Facebookadressen angeben darf, dem haben sie mir vorhin zugestimmt.

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Diskussion zu: Frauenrechtlerinnen unter den Flüchtlingen

  1. Ich habe mir das Video angesehen – das geht unter die Haut!
    Danke auch fürs Erzählen.
    Marianne

  2. Der Einsatz für Frauenrechte hat mich schon immer stark beschäftigt.
    Dass die Gleichberechtigung für Frauen auch in islamischen Ländern möglich ist, zeigt der Dokumentar-Film Iraki Odyssey, der gerade in ausgewählten Kinos läuft. Der Filmemacher Samir erzählt die Geschichte seiner irakischen Familie, die heute in der ganzen Welt zerstreut ist. In den 50er bis 70er Jahren lebte sie im Irak. Auch die Frauen der Familie studierten selbstverständlich und führten ein selbstbestimmtes Leben. Sie gehörten unterschiedlichen Glaubensrichtungen an, die tolerant zusammenlebten. Geistige Freiheit und Streben nach Fortschritt gehörten zum Lebensstil, bis Diktatur und Verfolgung alles zunichte machten. Diese Geschichte unterstützt die Hoffnung, dass es wieder so werden kann.
    Ein weiterer Film zum Thema kommt am 4. Februar ins Kino: Suffragette – Taten statt Worte. Hier geht es um den Kampf der englischen Frauen am Anfang des 20. Jhs. um das Wahlrecht und allgemeine Gleichberechtigung. Ohne Kampf und schwerste Opfer scheint es nicht möglich zu sein, das Selbstverständliche zu erreichen: als Frau ein Mensch mit gleichen Rechten zu sein. Siehe Loubna, die ich nur bewundern kann.

  3. Liebe Barbara, danke für die Filmtipis! Ich werde nachher mal nach Links zu den Filmen schauen.
    Ich kenne so viele Frauenrechtsbewegte hier im Land und in meiner persönlichen Umgebung, die möchte ich mit May connecten, so dass sie ihre wertvolle Arbeit hier im Land fortsetzen kann, ohne Morddrohungen und unterstützt von Tausenden anderer.

    Ich dachte dieser Tage auch „One Billion Rising“, dieses riesige weltumspannende Projekt, das mit diesem lustvollen, freudigen Tanz zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen aufrief!
    (Mehr) Links dazu demnächst – gerne auch von euch Lesern dieses Blogs, bitte.

    Lasst uns diesen Aufstand entfachen, der soooooo überfällig ist!!!

  4. Das Patriarchat ist ein Schimäre und zugleich ein billiges Stereotyp, um gedanken- und oft widerspruchslos eine ungerechte Welt zu erklären. Gäbe es ein Patriarchat, wären nicht Myriaden von Männern seit Menschengedenken in Kriegen und durch Arbeit verheizt worden. Gäbe es ein Patriarchat im nahen Osten würden auch nicht Millionen Männer auf die Reise nach Europa geschickt, in der Hoffnung, dass sie hierdurch später ein besseres Leben für die zurückgelassenen Frauen und Kinder ermöglichen.

    Auch meine ich, sollten wir unsere Maßstäbe nicht so wohlfeil auf andere Kulturen ausdehnen. Die muslimische Gesellschaft im nahen und mittleren Osten ist vorrangig eine Stammesgesellschaft. In ihr gibt es zwei voneinander getrennte gesellschaftliche Sphären, die der Männer und die der Frauen. Das sind ganz eigene Bedingungen, die sich mit unserer Art des Zusammenlebens und der Arbeitsteilung schwer vergleichen lassen; vor allem dann nicht, wenn man die eigene Gesellschaft als die bessere postuliert.

    Jedenfalls läuft ja auch hierzulande der von Dir geforderte Aufstand gegen das Patriarchat schon seit Jahrzehnten ins Leere, da Forderungen von Feministen weitgehend ohne Diskussionen vom „Patriarchat“ erfüllt werden. Es sind dagegen längst die Jungs und Männer, die in unserer Gesellschaft benachteiligt werden, und deren Stimmen nicht gehört werden.

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