Filmempfehlung: „Zwischen den Stühlen“ und „Berlin Rebel High School“

zwei Filme zum Thema Schulbildung, Kinostart 18.5. bzw.11.5. 2017

Wohl niemand, der drinsteckt, sei es als Schüler, Lehrer oder Elternteil, hält das deutsche Schulsystem für ideal. Anpassungs- und Leistungsdruck, zu große und heterogene Klassen, marode Gebäude und überfrachtete Lehrpläne sind nur einige der Problemfelder.

Zufällig erscheinen im Mai gleich zwei Dokumentar-Filme, die das Thema Schule von unterschiedlichen Seiten erhellen.

Der Titel „Zwischen den Stühlen“ von Jakob Schmidt bringt die Situation von Lehramts-Referendaren auf den Punkt. Nach dem theorielastigen Studium ihrer Fächer werden sie nach kurzer Einweisung sehr bald in die Haifischbecken der Klassen geworfen, wo sie sich behaupten, also Kompetenz und Autorität zeigen müssen. Gleichzeitig werden sie von Seminar- und Betreuungslehrern und dem Direktor benotet und als Lehrlinge behandelt, deren spätere Übernahme in den Schuldienst noch keineswegs gewiss ist.

Der Filmemacher Schmidt ist selbst Lehrerkind und ärgerte sich als Schüler über die Mängel des Systems. Auf der Suche nach einem interessanten Zugang zu einem Film über die Schule stieß er auf die schizophrene Perspektive der Referendare und begleitete drei von ihnen durch die zweijährige Probe- und Prüfungszeit. Bezeichnenderweise klinkte eine weitere Kandidatin sich aus dem Filmprojekt wieder aus, weil sie deswegen Ärger mit ihrem Direktor bekam, gemobbt wurde und um ihre Chancen fürchtete.

Anna lernt das Lehren an einer Berliner Grundschule, ist voller Idealismus und Sachwissen, geht aber immer wieder im Lärm der Klasse unter. Ralf darf an dem Gymnasium unterrichten, an dem er selbst als Schüler gescheitert ist. Über den zweiten Bildungsweg hat er es geschafft. Nun ist er deutlich älter als die anderen Berufsanfänger, was ein Vorteil ist. Katja musste an eine Berliner Gesamtschule, hat Angst, es nicht zu schaffen und hofft, mit der Kamera-Begleitung länger durchzuhalten. Sie soll für Disziplin sorgen und fühlt sich selbst ihren Prüfern und den vielfältigen Anforderungen ausgeliefert.

Das öffentliche Schulsystem erscheint als Klassengesellschaft mit ausgeprägter Bürokratie. Die Schüler sind das zu bearbeitende Material, die Eltern zu berücksichtigende Störfaktoren, die Lehrer teils überzeugte, teils abgestumpfte Kämpfer an verschiedenen Fronten. Solche mit höheren Funktionen und der Direktor entscheiden auch über die Schicksale von Nachwuchskollegen. Und die Referendare: Zwischen den Stühlen. Fast ein Wunder, dass jemand sich das antut.

Ganz anders die „Berlin Rebel High School“, mit bürgerlichem Namen SFE, Schule für Erwachsene in Kreuzberg. 1973 gegründet, ein eingetragener Verein, gibt sie Schülern eine Chance, die in normalen Schulen nicht zurecht gekommen sind. Alex, Anfang 20, war in mehr als zehn Schulen. Erzwungene Disziplin und die Konkurrenz zwischen den Schülern waren nicht sein Ding. Lena fühlte sich in ihrer ländlichen Schule unfrei und gemobbt. Hanil aus Aachen sah in der Schule keinen Sinn, kiffte und ist nach eigener Einschätzung faul. Jetzt sind die Drei mit anderen Schulabbrechern in einer Klasse der SFE.

Der Unterricht beginnt um 9.30 Uhr. Der Hund kann mitgebracht werden. Lerninhalte werden gemeinsam mit dem Lehrer bestimmt. In drei Jahren kann man zum Abitur kommen, das extern abgelegt wird. Noten gibt es nicht, nur auf Anfrage. Das Schulgeld beträgt 160 € im Monat, Lehrer bekommen einen Stundenlohn von 12,50 € brutto. Alles wird selbst gemacht und basisdemokratisch organisiert, ohne Direktor, 1 Mensch, 1 Stimme.

Das klingt unerhört, funktioniert aber. Der Regisseur Alexander Kleider, Jg. 1975, hat selbst diese Schule absolviert, und dank des Vertrauensverhältnisses, das er immer noch zu einigen Lehrern unterhält, bekam er von der Vollversammlung die Erlaubnis, diesen Dokumentarfilm zu drehen, Schüler auf ihrem Weg zu begleiten und Lehrer zu porträtieren.

So erleben wir mit, wie höchst unterschiedliche Dropouts, Underdogs und ein paar relativ „Normale“ Klassengemeinschaften bilden, sich gegenseitig unterstützen und zusammen lernen. Unausweichlich durchlaufen sie drei Stadien: Von Begeisterung am Anfang über Ernüchterung und Frust in den Mühen der Ebene und produktive Panik, wenn es auf die entscheidenden Prüfungen zu geht. Immer können sie sich auf ihre erfahrenen und engagierten Lehrer verlassen, die auch mal ihre Freizeit mit den Schülern teilen. So kommt alles zu einem guten Ende. Übrigens scheinen die Lehrer nie etwas von Burnout gehört zu haben, einige arbeiten über die übliche Altersgrenze hinaus.

Natürlich lässt sich das Modell SFE nicht 1:1 auf Regelschulen für Kinder und Jugendliche übertragen. Aber Denkanstöße sollten sich die Schulpolitiker hier holen.

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