11. Februar 2016
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Rubriken: Rezensionen
3 Kommentare

Filmempfehlung: Where To Invade Next

       ab 25. Februar 2016 im Kino

Endlich ein neuer satirischer Dokumentarfilm von Michael Moore! Sein erster außerhalb der USA gedrehter und sein bisher bester! Der letzte, „Kapitalismus: eine Liebesgeschichte“ erschien 2009, der berühmteste, „Bowling For Columbine (Oscar für den besten Dokumentarfilm) bereits 2002.

Moore ist nun älter und weiser geworden. Er hat anscheinend gelernt, dass Kritik, schlechte Noten und Moralpredigten nicht die wirkungsvollsten Erziehungsmethoden sind. Gute Beispiele können mehr bewirken. Das ist die erfreuliche, Mut machende These dieses Films.

Der beginnt damit, dass die Mächtigen der USA beschämt und verzweifelt Bilanz ziehen. Seit dem 2. Weltkrieg haben sie 10 weitere Kriege geführt, aber keinen gewonnen. Trotz riesiger Ausgaben haben diese nirgends Ordnung und Frieden geschaffen, nicht mal den Zugang zum irakischen Öl gesichert, sondern nur weitere bewaffnete Auseinandersetzungen provoziert. Die politischen und militärischen Führer sind zerknirscht, wissen nicht mehr weiter und legen das Schicksal der Nation in die Hand eines einzigen Mannes: Michael Moore! Der verordnet als erwählter Messias der Militärmaschinerie eine Zwangspause, greift sich eine US-Flagge und bricht auf, um als 1-Mann-Armee in europäische Länder einzumarschieren und deren beste soziale und politische Errungenschaften zu annektieren.

Standesgemäß reist er auf dem Flugzeugträger USS Ronald Reagan, zunächst nach Italien. Dort beobachtet er, dass die 61 Millionen Eingeborenen so gesund und glücklich aussehen, als hätten sie gerade Sex gehabt. Er fragt einige, woran das liegt, und erfährt, dass sie sechs bis sieben Wochen bezahlten Urlaub im Jahr haben, zusätzlich zu den vielen Feiertagen. Für die Hochzeit gibt es 15 Tage extra, und wenn ein Baby kommt, kann ein Elternteil bei vollem Lohnausgleich fünf Monate zu Hause bleiben. Und obendrein gibt es jedes Jahr ein 13. Monatsgehalt, nicht zu reden von der täglichen großzügigen Mittagspause. Diesen paradiesischen Zuständen stellt Moore die dürftige US-amerikanische Realität gegenüber.

Moore spricht auch mit Gewerkschaftsbossen und Unternehmern und erfährt so mehr zur Geschichte dieser Errungenschaften und zur Firmenphilosophie zum Beispiel des Motorradwerks von Ducati, in dem die Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter mindestens so wichtig ist wie der Profit. Hier rammt Moore seine Flagge in den Boden, um die Idee von acht bezahlten Urlaubswochen zu annektieren. Er weiß zwar, dass es auch in Italien Probleme gibt und nicht alles nur rosig ist, aber er ist eben entschlossen, die Blumen der europäischen Länder zu pflücken, nicht das Unkraut.

Nach diesem Muster geht es nun weiter. In jedem bereisten Land staunt Michael Moore über etwas anderes: Bildungssystem, Esskultur, Justiz, Strafvollzug, Umgang mit der eigenen Geschichte, kostenloses Studium, Gesundheitssystem, Einfluss der Frauen auf Politik und Wirtschaft und so weiter. Er lässt sich die jeweiligen Einrichtungen und Systeme an Ort und Stelle erklären, spricht mit Betroffenen und politisch Verantwortlichen und zieht Statistiken heran, mit denen er die jeweiligen Bereiche in den USA und dem besuchten europäischen Land vergleicht. Natürlich übt er so zum Teil scharfe Kritik an den Zuständen im eigenen Land, zum Beispiel an der Rassendiskriminierung, der Polizeigewalt, den Zuständen in den Gefängnissen, aber das positive und ausschließlich von seiner Schokoladenseite gezeigte Beispiel steht immer im Vordergrund und hat mehr Gewicht.

Das ist bei aller Übertreibung sehr informativ und witzig – nur stellenweise ein wenig zu lang. Den europäischen Gesprächspartnern gefällt ihre Rolle als Lehrer der USA. Eine finnische Schulrektorin sagt: „Danke, dass Sie unser Schulsystem stehlen!“

Damit seine Landsleute sich nicht gar so mies und als arme Sünder fühlen müssen, belegt Moore am Schluss noch, dass die meisten der viel gelobten Ideen ursprünglich aus Amerika stammen: aus der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung. Man muss sie nur umsetzen.

Für mich und hoffentlich viele Zuschauer in Europa ist eine Schlussfolgerung aus diesem Film, dass auch wir uns von den Problemlösungen mancher unserer Nachbarn eine Scheibe abschneiden könnten. Gehen wir hin und annektieren deren beste, bewährte Ideen!

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Diskussion zu: Filmempfehlung: Where To Invade Next

  1. Ich hatte von ihm das famose „Bowling for Columbine“ gesehen. Jetzt würde ich gerne sehen, wie er diesen Streifen anging. Barbara, Du hast mir wieder Appetit gemacht!

  2. Der Film ist gut und die Filmempfehlung ist absolut OK.
    Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Untertitel für ältere Semester sehr schwer zu lesen sind. Sie werden ganz schnell wieder ausgeblendet und erscheinen mal oben mal unten – ein Problem wenn man in Englisch nicht mehr ganz fit ist.

  3. Richtig. Danke für die Ergänzung!

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