14. März 2016
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Rubriken: Rezensionen
4 Kommentare

Filmempfehlung: Raum

Kinostart: 17. März 2016 

Gerade hat Brie Larson den Oscar als beste Hauptdarstellerin in dem Film „Raum“ bekommen, der erst jetzt in deutsche Kinos kommt. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Emma Donugh, der zum Bestseller wurde. Die Autorin schrieb auch das Drehbuch, das Lenny Abrahamson verfilmte.

Die Geschichte ist angeregt durch den Fall Fritzl. Ein Mann hält seine Tochter gefangen und zeugt mit ihr mehrere Kinder, die in einem geschlossenen Raum heranwachsen. Auch Natascha Kampuschs Schicksal steht Pate, die, nachdem sie sich aus einer ähnlichen Lage befreien konnte, große Schwierigkeiten hatte, sich in der „Außenwelt“ zurecht zu finden und sich des Zugriffs der Medien zu erwehren.

Als vor einigen Jahren diese Fälle bekannt wurden, war wohl jeder von der Ungeheuerlichkeit der Taten und dem kaum vorstellbaren Leid der Opfer überwältigt – und fasziniert. Wie fühlt es sich an, in so einer extremen Situation zu sein? Was ist das für ein Mann, der zu so etwas fähig ist?

In „Raum“ wird uns das Geschehen aus der Sicht des fünfjährigen Jack (Jacob Tremblay) nahe gebracht. Seit seiner Geburt kennt er nur den 9 m² großen Schuppen, in dem er mit seiner „Ma“ lebt, die als 17jährige entführt wurde. Er hat eine wundervolle, behütete Kindheit. Der „Raum“, wie Ma die Hütte nennt, bedeutet ihm ein ganzes Universum, in dem alles vertraut ist. Jeden Morgen begrüßt er alle Gegenstände mit ihrem Namen. Wie bei einem Kind in der Wildnis sind seine Haare lang. Jack lebt in inniger Symbiose mit seiner Mutter, die ihm liebevoll alles zeigt und erklärt, mit ihm Gymnastik macht und ihn in jeder Weise fördert und beschützt. Einzig ein alter Fernsehapparat zeigt, dass es etwas außerhalb des „Raums“ gibt. Wenn der Entführer auftaucht, Old Nick genannt (Sean Bridgers), schläft Jack im Schrank.

Brie Larson schafft es, alle Facetten dieser extremen Situation in ihrem Spiel zu integrieren: die Idylle für den Jungen auf engstem Raum, ihre Fürsorge, den Umgang mit der Knappheit von allem Nötigen, Angst vor dem Gewalttäter, den sie dennoch manipulieren kann. Mit Phantasie und Disziplin gestaltet sie einen trotz allem funktionierenden Lebens-Raum.

Doch so kann es nicht ewig weiter gehen. Da ist die permanente Bedrohung durch diesen wenig berechenbaren Mann, der durchaus unterschiedliche Facetten hat; und für Jack wird der Kokon des Raums zu eng, er muss hinaus in die reale Welt. So schmiedet Ma einen gewagten Fluchtplan, der schließlich gelingt. Ein spannender Showdown in der Mitte des Films. Danach tauchen ganz andere, neue Probleme auf: Reizüberflutung, eine verwirrende Umwelt, veränderte Beziehungs-Konstellationen, die Sensationsgier der Medien. Freiheit kann überfordern und Menschen in neue Abhängigkeiten treiben.

Jack findet sich bald in dem anderen Leben zurecht, auch dank seiner empathischen und fürsorglichen Großmutter (Joan Allen). Ma dagegen scheint die innere Stärke zu verlieren, die im „Raum“ ihr Leben und das von Jack sicherte. In der Gefangenschaft musste sie sich auf wenige Gegebenheiten fokussieren, jetzt zerfasert ihr Dasein und damit jede Gewissheit. Schließlich ist es Jack, der sie rettet. So ist der Film ein Hohes Lied der Liebe zwischen Mutter und Kind, was kitschig sein könnte, aber durch das extreme und realistisch dargestellte Schicksal beglaubigt ist.

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Diskussion zu: Filmempfehlung: Raum

  1. Für mich klingt das wie ein überriesiges Thema. Die klassische zweiteilung in zwei ganz unterschiedliche lebensspharen und die sicher völlig individuelle problematik in beiden ist ein gewaltiges Thema. Wie stellt man etwa irrationales dar, dass m.e. Zwingend zu diesen phasen gehört. Das benennen der gegenstände durch das kind ist ja als gesunde Reaktion zu deuten, wo bleiben aber die ungesunden neurotischen, ja psychopathischen aspekte? Auch im zweiten part der Geschichte kann es ja nicht ohne starke mentale Probleme abgehen. Es sind nicht nur die äusseren veraenderungen.
    Das frage ich mich natürlich, ohne den Film gesehen zu haben .

  2. Da kann ich nur raten: anschauen!

  3. Das will ich tun, wenn sich die Gelegenheit bietet.
    Was ich anmerkte, bezieht sich eher auf eine gesehene Serie von Filmen über hoechstproblematische lebensbedingungen. Da habe ich die Erfahrung gemacht, dass „poetisiert“ wird, anstatt darzustellen, wie vielfältig der menschliche geist, verstand un Gefühl in Mitleidenschaft gezogen werden kann
    Heilen kann man durchaus manches weitgehend, aber nicht alles ist heilbar.
    Gibt es hier also ein volles happyend?

  4. Solange ein Mensch lebt, kann es höchstens ein Interims-Happyend geben, denke ich. Ist ein Problem gelöst, kommt bald das nächste.
    Ein Film kann in maximal 120 Min. nicht die volle Komplexität des Lebens ausloten. Doch er macht uns zu Augen- und Ohrenzeugen eines (fiktiven) Geschehens, auf das wir uns unseren eigenen Reim machen können.
    In der ersten Hälfte von „Raum“ besteht der Reiz darin, dass der Zuschauer bald weiß, dass es hier um eine gewaltsame Gefangenschaft geht, während die Mutter alles unternimmt, um diese Tatsache vor dem Jungen zu verbergen, und dieser die Situation als freundliche Normalität wahrnimmt.
    Die Liebe und Fürsorge der Mutter und die naive Unschuld des Kindes stehen im Kontrast zu der perversen und bedrohlichen Situation. Das gibt viel Stoff zum Nachdenken und Mitfühlen. „Poetisiert“ wird hier nicht.
    Heilung ist meistens relativ. Auch wenn man kuriert ist, können Spuren und Narben bleiben, eventuell auch Phantomschmerzen.
    So ähnlich ist es auch in dieser Geschichte.

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