06. November 2016
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Rubriken: Rezensionen
3 Kommentare

Filmempfehlung: Paterson

Kinostart: 17.11.2016

Paterson heißt so wie die Stadt in New Jersey, wo er wohnt und täglich seiner Routine als Busfahrer der Linie 23 nachgeht.

Jim Jarmusch zeigt acht Tage im Leben dieses freundlichen, zurückhaltenden Mannes (Adam Driver). Jeden Morgen wacht er pünktlich neben seiner hübschen und liebenswerten Frau Laura (Golshiftteh Faharani) auf, frühstückt, geht zur Arbeit, kommt in sein einfaches Haus zurück, isst und plaudert mit Laura, dann macht er einen Abendspaziergang mit ihrer englischen Dogge Marvin, kehrt in Doc’s Bar ein und geht nach einem Bier nach Hause.

Ist das nicht furchtbar langweilig? Nein, überhaupt nicht! Poesie und ein leiser Humor durchziehen den ganzen Film, der dieses Jahr beim Filmfest in Cannes gezeigt wurde.

Paterson ist nämlich besonders: Er beobachtet seinen unspektakulären Alltag und die banalen Dinge, die ihn umgeben, und macht kurze Gedichte daraus, zum Beispiel über Streichhölzer. Sein Vorbild ist der Poet William Carlos Williams (1886-1963), der in der gleichen Stadt lebte. Die schlichten, reimlosen Gedichte werden eingeblendet und gelesen, mit Musik unterlegt und entfalten einen unwiderstehlichen Zauber. Paterson schreibt sie in seinen Pausen in ein Notizbuch. Nur seine Frau kennt sie und glaubt an ihren Erfolg, könnte Paterson sich nur entschließen, sie zu veröffentlichen. Und weil Gleiches Gleiches anzieht, trifft Paterson immer wieder unverhofft andere Poeten, mit denen er sich austauscht.

Auch seine Frau Laura ist besonders. Jeden Tag begeistert sie sich für etwas Neues, dekoriert sich und das Haus mit neuen Mustern, immer in schwarz-weiß. Sie plant, mit der Verkauf von Cupcakes reich zu werden, oder als Country-Sängerin. Jeden anderen Mann würde das wahrscheinlich nerven, aber Paterson und Laura kann in ihrer Zugewandtheit und Liebe füreinander nichts erschüttern.

Wann kommt die Krise, das Problem, der Antagonist?, fragt sich der Zuschauer, ohne diese gewohnten Zutaten einer Story hier tatsächlich zu vermissen. Vielleicht in Gestalt des eigenwilligen, stets mürrisch schauenden Hundes Marvin, den Paterson nicht wirklich mag?

In Doc’s Bar wird Paterson Zeuge der Beziehungsprobleme anderer, aber nichts ist ernsthaft bedrohlich. Ebenso wie die gewaltigen, aber wunderschönen Wasserfälle des Passaic River mitten in der Stadt, die als eins der Leitmotive immer wieder zu sehen sind.

Jim Jarmusch führt uns hier ein einfaches, aber ideales Leben vor, in dem alles auf feine Weise ineinander greift, trotz kleinerer Pannen. Die schlichten Dinge des Lebens werden gewürdigt und poetisiert. Das ist sehr gut gemacht und gespielt – zum Nachdenken und sich daran erfreuen.

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Diskussion zu: Filmempfehlung: Paterson

  1. Das klingt interessant.
    Die Poesie des Alltags.
    Niemand muß „besonders“ sein. Daß da einer Gedichte schreibt und eine andere täglich das Haus und sich neu dekoriert: Ok, das darf sein. Anflüge von Kreativität, die not tun, aber von denen ausser den zweien nicht unbedingt jemand wissen muß!

  2. Jetzt habe ich den Film auch gesehen. Außerordentlich!
    Fast nicht von dieser Welt, wie diese Akteure leben. Entweder sind sie sprituell oder langweilig. Ich tippe auf ersteres.

  3. Der Film wirkt nachhaltig in mir nach. Ich muss noch mal selbst darüber schreiben.

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