Filmempfehlung: Nocturnal Animals

Kinostart: 22.12. 2016

Sieben Jahre nach seinem aufsehenerregenden Debut „A Single Man“ meldet sich Tom Ford, sonst in der Modewelt unterwegs, mit dem gefühlsstarken und spannenden Film „Nocturnal Animals“ zurück. Und so verstörend fängt er an: Minutenlang sieht man sehr übergewichtige ältere Frauen nackt tanzen. Obszön! Was soll das? Dann stellt sich heraus, es ist eine Kunst-Aktion, gezeigt in einer eleganten Galerie in Los Angeles von Susan Morrow (Amy Adams).

 Aber darf man so mit Menschen umgehen? Ohne Schonung und Respekt, zynisch? Das ist das Thema des Films, auch wenn die nackten Matronen nicht weiter vorkommen.

Susan ist eine äußerst erfolgreiche, auf sensible Art schöne Frau, die alles hat, was man sich wünschen kann, inklusive eines attraktiven Ehemanns, Hutton Morrow (Armie Hammer). Doch er erfüllt ihre Sehnsucht nach Nähe nicht. Sie wirft es ihm nicht vor, sie ist diszipliniert und hat sich im Griff. Als Hutton zu einer seiner vielen Geschäftsreisen aufbricht, erhält Susan ein Paket, darin ein Roman-Manuskript mit dem Titel „Nocturnal Animals“ (nachtaktive Tiere), geschrieben von ihrem ersten Ehemann, Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal), von dem sie sich vor neunzehn Jahren getrennt hat. In dem beiliegenden Brief fordert er sie auf, das Buch zu lesen, das er ihr gewidmet hat.

Und sie tut es, schlägt sich damit die Nächte um die Ohren, die sie lieber zärtlich mit ihrem Mann verbracht hätte. Der Roman erzählt die Geschichte von Tony Hastings (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal), der mit Frau und Tochter im Auto durch Texas fährt und in der Nacht von einer Gang von der Straße gedrängt und überfallen wird. Die drei werden getrennt und geraten in ein immer mehr eskalierendes Demütigungs- und Gewaltszenario. Tony kann seine Familie nicht schützen.

Susan ist aufgewühlt von dieser Lektüre und erinnert sich an ihre längst verdrängte Beziehung zu Edward. Sie hatte ihn aus Liebe gegen den Rat ihrer Upper Class-Mutter geheiratet und verließ ihn aus den Gründen, die ihre Mutter vorhergesagt hatte.

Während im Roman Tony zusammen mit einem merkwürdigen und wortkargen Polizisten (Michael Shannon) seinen Rachefeldzug unternimmt, überdenkt Susan die Weichenstellungen ihres Lebens.

Tom Ford, der auch das Drehbuch zu „Nocturnal Animals“ nach dem Roman „Tony & Susan“von Austin Wright geschrieben hat, will zeigen, wie wichtig es ist, mit seinem Leben ins Reine zu kommen, und zu verstehen, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat. In einem Statement erklärt er, dass er in einer von Wegwerf-Kultur geprägten Welt, in der auch Beziehungen leicht entsorgt werden, bewusst eine Geschichte von Loyalität, Hingabe und Liebe erzählen wollte. Der verbreiteten Vereinsamung soll eine Wertschätzung persönlicher Beziehungen entgegen gesetzt werden.

Entstanden ist ein bildstarker, komplexer Film voll eindringlicher Intimität, der einen auf Anhieb gefangen nimmt. Bei näherem Hinsehen kann man sich aber schon fragen, ob Liebe und Loyalität es vertragen, oder gar erfordern, dass ihr Verlust bis zur letzten Konsequenz gerächt wird. Außerhalb von Texas und den USA sieht man das vielleicht anders. Und dass Susans zweiter Ehemann sich ihr entzieht, beweist nicht, dass sie mit dem ersten auf Dauer glücklicher geworden wäre. Hinterher ist man meistens klüger, aber im Moment der Entscheidung greift man auf die Gründe zu, die gerade bestimmend sind.

Ein Film zum Mitfiebern, Nachdenken und Diskutieren.

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