10. August 2016
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Rubriken: Rezensionen
Ein Kommentar

Filmempfehlung: Genius – die tausend Seiten einer Freundschaft

Kinostart: 11. August 2016

Wie entsteht ein Roman? Na klar, ein Autor schreibt ihn, dann wird er veröffentlicht. – Schön wär’s. Oder auch nicht. Denn nicht alles, was so zusammengeschrieben wird, und sei’s von einem Genie, ist schon druckreif. Deshalb gibt es den Beruf des Lektors, an dem heute gern gespart wird. Oft ist das Ergebnis entsprechend unausgegoren. Ein Loblied auf den Lektor ist also überfällig. Das liefert der Film „Genius- die tausend Seiten einer Freundschaft“ von Michael Grandage nach dem Drehbuch von John Logan.

Es ist die Geschichte des Lektors Maxwell Perkins im Verlagshaus „Scribner’s Sons“ im New York der 1920er Jahre. Dieser sanfte, introvertierte Mann, gespielt von Colin Firth (immer mit Hut auf dem Kopf), hat ein Faible für das Neue, Radikale, Moderne und verhilft Autoren wie Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald, die überall sonst abgelehnt wurden, zu ihren ersten Veröffentlichungen.

Dann steht eines Tages dieser zerzauste, von Misserfolgen gebeutelte junge Mann, der sich als Thomas Wolfe vorstellt (Jude Law), mit tausend unordentlichen Seiten Manuskript vor dem Schreibtisch des Lektors und macht sich auf eine weitere Absage gefasst. Doch Perkins erkennt in dem Chaos das geniale Potential des Mannes aus North Carolina. Er gibt ihm einen Vorschuss und fängt an, mit ihm zu arbeiten. Der Roman wird in einem langen, zähen Ringen um 300 Seiten gekürzt und erhält einen neuen Titel: Statt „O Lost“ „Look Homeward Angel“. Es wird ein Bestseller. Ebenso wie Wolfes nächster Roman „Of Time and the River“ („Schau heimwärts, Engel“ und „Von Zeit und Strom“). Diesen widmet Wolfe gegen dessen Willen seinem „großen“ Lektor, „dem tapferen und ehrenhaften Mann, der dem Verfasser dieses Buches in Zeiten bitterer Hoffnungslosigkeit unentwegt beistand und es nicht zuließ, dass dieser seinen Zweifeln unterlag“. Das Manuskript dieses Romans bestand aus 5000 handschriftlichen Seiten, die in drei Holzkisten angeliefert wurden.

Durch diese gemeinsame jahrelange Herkulesarbeit wächst eine immer engere Freundschaft zwischen dem unermüdlichen Lektor und dem exaltierten Autor. Die bleibt nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Perkins hat immer weniger Zeit für seine Frau Louise , eine Theaterautorin (Laura Linney), und die fünf Töchter. Wolfe vernachlässigt seine Geliebte Aline (Nicole Kidman) und verlässt sie schließlich. Da er seinen Gefühlen stets freien Lauf lässt, eckt er bei Vielen an. Aline beschuldigt Perkins, Wolfes Talent als Fundgrube zu nutzen, um Bücher nach seinem eigen Geschmack zu erschaffen. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht. Perkins beschränkt sich nicht auf’s Korrigieren und Kürzen, er greift kreativ ein, doch zweifellos zum Besten des Buchs und des Autors, die ohne ihn kaum eine Chance hätten. Nicht umsonst lautet der Titel seiner Biografie von A. Scott Berg (1978) doppeldeutig: „Max Perkins: Editor of Genius’“. Der Lektor findet Rohdiamanten, erkennt ihren Wert und schleift sie zu Brillanten. Ist er da nicht auch ein Künstler?

Doch die Zusammenarbeit endet, Wolfe geht nach Europa, dann nach Kalifornien und findet neue Verleger. Perkins kümmert sich um viele andere Autoren, die die amerikanische Literatur revolutionieren. Doch die vielen Seiten der Freundschaft, die weit über die Textarbeit hinausgingen, beschwört Wolfe noch einmal in einem Brief vor seinem frühen Tod. Da zieht Perkins seinen Hut vor ihm.

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Diskussion zu: Filmempfehlung: Genius – die tausend Seiten einer Freundschaft

  1. Hört sich – wieder – interessant an.

    Bei manchen bedeutenden bildenden Künstlern denke ich, daß ihre Galeristen und Händler, zwar nicht die Werke formend, aber manchmal in der Sache mit dem Künstler diskutierend, durch ihr Verkaufsgenie zum Erfolg des Künstlers entscheidend beigetragen haben. Denkt man sich andere Galeristen an ihrer Stelle, wie hätte das Resultat dann ausgesehen? Das ist so ein ungeprüfter Gedanke. Ein sehr bekanntes „negatives“ Beispiel ist Vincent van Gogh, der wohl unter der Protektion eines entspr. Galeristen klar zu Lebzeiten berühmt geworden wäre und NICHT erfolglos! Daß er nach seinem Tod Jahre danach als Impulsgeber für eine Unzahl von Künstlern gedient hat (so eine Ausstellung in Düsseldorf der 90er Jahre), ist „Pech“. Ich glaube NICHT, daß seine Zeit nicht reif war – so einfach kann das nicht sein.Ich kann das nicht glauben, lasse mich aber durch einen Kunsthistoriker gerne vom Gegenteil überzeugen!

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