08. August 2017
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Rubriken: Humor, Rundbriefe, Spirituelles
16 Kommentare

Es lebe die Subjektivität! – Rundbrief Nr. 157 vom August

Wenn wir etwas wahrnehmen, nehmen wir dann wirklich wahr, was da ist, oder sehen wir dabei nur unser Kopfkino, ausgelöst durch Impulse, die unsere Sinnesorgane uns zuspielen? 

Jetzt bin ich mal ganz Mann: Bei Frauen erlebe ich es oft, dass sie das, was sie fühlen, für wahr halten. Wenn »mann« ihre (tief gefühlte) Story anzweifelt, fühlen sie sich in ihren Gefühlen nicht ernst genommen und wertgeschätzt. 

(Kennt das jemand, oder bin ich damit allein??? Findest du das komisch – oder eher zum Schreien? Dann ist vielleicht der Workshop »Sind wir nicht komisch?« etwas für dich. Darüber mehr weiter unten in diesem Newsletter.)

Jetzt wieder ernst: Ich sage diesen Frauen (und Männern) dann: deine Gefühle nehme ich wahr und ernst, ich respektiere und wertschätze sie, aber die Interpretation des Geschehens, die du daraus entwickelst, halte ich für unangemessen. Ihre Antwort ist dann meist sowas wie: Das ist keine Interpretation, sondern eine Wahrnehmung. Manchmal ist ihre Antwort sogar noch krasser: »Wer Interpretation und Wahrnehmung unterscheidet, der scheidet.  Wer scheidet, trennt und ist folglich im Kopf. Wärst du im Herz und würdest fühlen, so wie ich, dann wäre beides für dich eins. Man sieht nur mit dem Herzen gut, das sagte doch schon der Kleine Prinz bei Saint-Exupéry.«

Wahrgenommen oder interpretiert?

Die Vermanschung des Wahrgenommenen – des aufgrund von sinnlicher Wahrnehmung innerlich Erlebten – mit der Vermutung, dass »da draußen« das, was ich hier drinnen fühle, der Fall ist, halte ich für ein weit verbreiteten, konventionell praktizierten, üblichen, aber gemeingefährlichen Irrtum. Umgekehrt gesagt: Wer das voneinander unterscheiden kann, ist besser dran, viel besser, und seine soziale Umgebung mit ihm bzw. ihr.

Die Haupttäuschung besteht dabei nicht darin, dass z.B. etwas gehört wurde, ohne dass es »da draußen« eine Geräuschquelle dafür gäbe, so wie etwa beim Tinnitus. Sondern das noch viel Wichtigere ist, dass unser Gehirn unter dem Gehörten, Gesehenen und sonstwie sinnlich Erfahrenen eine Auswahl trifft – es reduziert das Wahrgenommene um etwa den Faktor eine Million auf das, was zum Vorerfahrenen passt –, und verarbeitet das dann zu einer Story, zu einer Geschichte, die das Erlebte interpretiert und zu einem konsistenten, überzeugenden, glaubhaften Ganzen miteinander verbindet. Das ist eine wertvolle, kreative Leistung des Gehirns. Wer das jedoch für die Wahrheit hält, für eine Wahrheit, für die zu streiten sich lohnt, kommt damit in Teufels Küche. 

Interessant ist dabei auch noch, wie Sprache uns hilft, eine solche in sich einigermaßen konsistente Story zu fabrizieren. Ohne Sprache geht das nicht. Sprache ist die Basis unserer Kultur und zugleich das Werkzeug dieser grandiosen Täuschung. Deshalb sprechen alle Meditationsanleitungen von einem Sinken in die Stille, in die Leere, ins Nichts. Was sagbar ist, das gehört noch zum Bereich der Täuschung.

Subjektivität hat Vorrang

Diese üblichen Wahrnehmungstäuschungen werden konventionell oft als das »nur Subjektive« beschrieben. Das Objektive sei für alle wahr, das Subjektive nur für den einzelnen, gerade etwas Wahrnehmenden, heißt es. Diese Art der Darstellung halte ich für irreführend. Eigentlich ist das Subjektive das Einzige, auf das wir uns verlassen können. Was wir fühlen oder sonstwie sinnlich wahrnehmen, jeder für sich, ist das einzige, dessen wir uns sicher sein können. Daher rühren die starken emotionalen Reaktionen, dass ein Gesprächspartner (Mann oder Frau) sich entwertet und als unglaubwürdig denunziert fühlt, wenn er hört »Das stimmt nicht, was du da sagst!«. – »Ich fühle es doch, ich habe es so gesehen oder gehört!«, ist dann die Reaktion. Eine genauere Beschreibung müsste das sinnliche oder emotional-sinnliche Erlebnis von der in Sekundenschnelle daraus fabrizierten, oft schon vorformulierten Story unterscheiden. So könnten viele Streits darüber vermieden werden, wer Recht hat oder wer wen nicht wertschätzt. 

Ein kompromissloses Annehmen der eigenen Subjektivität (»Ich bin die Mitte der Welt«) und der Relativität alles intersubjektiv kommunizier- und erfahrbaren Objektiven scheint mir diesen Konflikt zu lösen und viele Wunden zu heilen. Während, das gehört mit dazu, auch allen anderen Subjekten der Vorrang des Subjektiven zugestanden wird. 

Und was ist dann das vermaledeite Ego? Ist das nicht der Größenwahn, die eigene Subjektivität habe Vorrang? Nein, das Ego ist die Unkenntnis der eigenen Subjektivität. Es ist der eigene Standpunkt, den man nicht sieht, weil man genau dort steht und von dort aus schaut. Es ist die (bewegliche) Summe der eigenen blinden Flecken.

Der Dual

Im Juli habe ich mit meiner Freundin in Tirol an einem Paarseminar unter Leitung von Regina Heckert teilgenommen. Dabei hat mich beeindruckt, was mit Menschen passiert, die einander auf Dauer in sehr hohem Maße den Vorrang geben vor … allem? Nein, vor sehr vielem. Das tun Kinder mit ihren Eltern, Eltern mit ihren Kindern, seit Jahrtausenden auch Paare miteinander. Diese Priorisierung hat auch in den Sprachen ihre Spuren hinterlassen. Zum Beispiel im Arabischen, wo es nicht nur Singular und Plural gibt, sondern auch den »Dual«. Dort heißt ʾAnti du, ʾantumā ihr beide, ʾantum (m) oder ʾantunna (f) ihr alle (unterschieden in männlich und weiblich).

Unsere sexbesessenen Vorfahren

Haben arabisch sprechende Menschen deshalb eine besondere Beziehung zur Bedeutung von Paaren? Ich lebe mit einer syrischen Familie zusammen und lerne dabei auch ein bisschen Arabisch. Bisher kommen mir meine Mitbewohner jedoch nicht paarorientierter vor als andere Menschen. Und wenn sich meine ausländischen Mitbewohner mit den deutschen Artikeln der, die, das abmühen, ohje … dann frage ich mich, wie sexbesessen unsere Vorfahren gewesen sein müssen, dass sie, in den Zeiten, in denen unsere Sprachen entstanden, jedem Ding ein Geschlecht zuordneten (im Deutschen immerhin noch, allerdings das Lernen erschwerend, das keusche Neutrum). 

Termine

Auch heuer bin ich wieder auf Angela Raymanns Heartbeatfestival auf Schloss Buchenau, das ist diesmal vom 23. bis 27. August, vier Tage lang. Dieses Festival ist eine fröhliche Sommerveranstaltung an einem wunderschönen Ort, tanzbetont, kontaktbetont, liebevoll und lebendig, ich nehme da nun schon zum dritten Mal dran teil. Wieder gebe ich dort einen Humorworkshop, diesmal außerdem einen Beziehungsworkshop (je zwei Stunden). Die Anmeldung ist dort nur noch bis morgen, 9. August möglich! (Oder, mit Geld in der Hand, direkt bei Beginn am 23. August – Angelas Maßnahme gegen die last-minute Freaks). 

Zwei Wochen später gibt es einen »echten« (nonvirtuellen) Erleuchtungskongress in Berlin, er geht diesmal über drei Tage, vom 8. bis 10. September und findet im Buddhahaus statt, in Berlin, in der Akazienstraße 27. Das Thema ist diesmal: »Die Evolution des Erwachens, Werte und Handeln aus dem Selbst«. Neben den Satsangs und Teachings vieler spiritueller Lehrer könnt ihr dort bei mir vom »Humorweg zur Erleuchtung« erfahren. Außerdem dem dialogischen Vortrag »Klares Denken in der Stille« von Torsten Brügge und mir lauschen, wo wir beide ein Wort für den verfemten Intellekt einlegen und schließlich … tusch, Applaus … in der Abschlussveranstaltung des Kongresses meine Selbstbeweihräucherung erleben, das Erleuchtungskabarett. Die ganzen drei Tage kosten nur 189 € Eintritt. Wenn ihr bei der Anmeldung »SugataRabatt« (bittte genau so geschrieben) als Code eingebt, sind es nochmal 10% weniger, also nur noch 170,10 €. 

Auf dem Befree Herbstfestival vom 28. 9. bis 3. 10. bin ich, wie jedesmal, abwechselnd Anbieter und Teilnehmer zugleich. Ich gebe dort den Humorworkshop »Liebesspiele« und den Kommunikationsworkshop »Sag’s mir, wie du es gerne hättest« (je zwei Stunden).

Am 7./8. Oktober gebe ich im Essentis-Hotel in Berlin mit »Sind wir nicht komisch?« endlich mal wieder einen Wochenend-Workshop zum Thema Humor, von Sa 10 h bis So 17 h. Kosten 169 €.  Frühbucher bis 15.9. (Zahlungseingang) zahlen nur 149 €. Die Unterkunftspreise im Hotel sind für Teilnehmer an diesem Seminar vergünstigt, von 55 € pro Tag für VP bei Unterbringung im Schlafsaal, bis zu 90 € pro Tag für VP im EZ. Bei rechtzeitiger Anmeldung (am besten jetzt gleich!) gibt’s auch noch mein Buch »Auf der Suche nach dem Wesentlichen« als Geschenk.

Links

diesmal eine Leseempfehlung von faz.net, dort beschreibt Katrin Hummel einen Radical Honesty Workshop mit Taber Shadburne. Er erinnert mich an die Encounter-Gruppen, denen ‚wir‘ 68er und Poona-Sannyasins uns damals aussetzten, auf der Suche nach der totalen Aufrichtigkeit und seelischen Befreiung. 

52 % der Deutschen sind für das BGE (bedingungsloses Grundeinkommen), nur 22 % dagegen, laut einer Umfrage des Ipsos Institutes im Juni. Das BGE ist also im Rahmen der kommenden Bundestagswahl am 24. September wählbar

Nun noch ein Link zu Perspective Daily, einer neuen Medienfirma mit Sitz in Münster, die sich nicht auf Schreckensnachrichten ausrichtet, sondern – bei aller Systemkritik – für 60 € pro Jahr täglich gut recherchierte, ermutigende Nachrichten bringt. 

 

P.S. Bitte schaut auch auf meine neue Webseite, die gerade erst von Andreas Schmitz erstellt wurde, teils ist sie noch ‚im Prozess‘,  – Feedback willkommen! Und tragt euch dort in den Newsletter ein. Dort findet ihr ausführlichere Infos als hier im Rundbrief über meine Workshops und die Veranstaltungen, an denen ich teilnehme.

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Diskussion zu: Es lebe die Subjektivität! – Rundbrief Nr. 157 vom August

  1. Der Vorrang des Subjektiven – besser kann man es nicht auf eine Formel bringen.

    Aus Angst vor unserer Freiheit wagen wir es nicht, subjektiv zu sein und uns gute, wahre, schöne Geschichten zu erzählen. Lieber orientieren wir uns an Objektivität, Kommunikation und Funktion, an Rollen und Erwartungen. Subjektivität hingegen sucht das Gespräch, sie lässt sich berühren, sie findet in offenen Räumen zu neuen Einsichten. Es findet Begegnung statt. Wir können in ihr unsere Anliegen vortragen. Ein Hoch auf die Subjektivität.

    Famos, wie die Evolution Subjektivität hervorgebracht hat.

  2. vielleicht nahm ich mir diesmal weniger zeit, war zu unaufmerksam, etwas oberflächlich, zu schnell gelesen usw….
    du hast ja ein superspannendes leben mit so vielen Events und Begegnungen. und du wirst gebraucht…..
    beides ist bei mir eher rückläufig, altersgemäss, auch kräftemässig. unserer zu viert besuchten wir letzte Woche pianta monda, ein ökodörfchen im maggiatal, das ich seit beginn begleite. der aufstieg ist steil und steinig, etwa in 20 min bewältigend. ich hatte 2 stunden…..der abstieg war eher symbolisch, ein letztes mal. moscia, das wir vor und nachher besuchten, ist leichter zu erreichen. dort traf ich Esther 1959 das erste mal und verliebte mich gleich. also, eine kleine reise in die Vergangenheit. sonst bin ichs zufrieden und lebe nach „lieben was ist“. ganz herzlich dir, lieber wolf, salam-shalom, chlous.

  3. Lieber Chlous,
    oh ja, das Leben geht zu Ende …. früher oder später für uns alle. Folgenden Teil meines Rundbriefs habe ich, auf Anraten meine Lektors (ein Freund von mir lektoriert die meisten meiner Texte, bevor sie rausgehen) weggelassen, nun füge ich ihn für dich / für euch, doch noch hier an:

    »Wir sind sterblich
    Nun bin ich 64 Jahre alt. Auch wenn ich oft für zehn oder zwanzig Jahre jünger geschätzt werde (»Hast dich gut gehalten« – ich schiebe das dann meist auf meine seit 40 Jahren vegetarische und gesunde Ernährung) ist mir bewusst, dass ich weit weniger Jahre vor mir habe als hinter mir. Allmählich sollte ich wissen, wofür ich hier bin, in diesem Leben, in diesem Körper. Die Zeit läuft, die Uhr tickt, die Mitte meines Lebens ist längst vorüber. Das macht mich radikaler, wesentlicher. Zeit totzuschlagen kommt für mich weniger denn je infrage. Die zwanzig oder dreißig Jahre, die ich in hoffentlich noch guter Gesundheit zu leben habe, sollen wesentlich sein, glücklich und erfüllt von dem, was für mich Priorität hat, und ich will in dieser Zeit weitergeben (an alle, v.a. aber an Jüngere), was ich in meinem bewegten Leben erfahren habe.«

    Vielleicht gilt das auch für euch beide: Man wird im Alter wesentlicher. Hm, vielleicht nicht alle, aber wer so intensiv gelebt habt wie du / wie ihr beide, wird dann vielleicht sogar die Ruhe schätzen, den Rückzug, die Rückkehr in den Raum, aus dem ihr gekommen seid.

    Liebe Grüße
    Wolf

  4. @Wolf, das mit dem Subjektiven hättest Du noch ausführlicher thematisieren können.
    Dann tue ich es!
    Ein Beispiel.
    Meine Partnerin sagt manchmal, ich hätte sie angeschrieen. Ich sage dann meist: „Ich war doch nur bestimmt/deutlich!“.
    Nun, wie war es „wirklich“?
    Vielleicht war ich lauter als gedacht?
    Vielleicht hörte sie meine Stimme gefiltert und verzerrt durch Überlagerung mit der erinnerten Stimme ihres jähzornigen Exmannes?

    Oft höre ich auch Vorwürfe. Etwa: „Denkst Du wieder nur an Dich“?
    „Nein, ich mache (selbstverständlich) auch eine Kaffee für den Handwerker. Kommt gleich :-)“
    Das war laut ihrer Aussage KEIN Vorwurf, sondern ein Hinweis, ein Merkzettel vielleicht, ein Anstupser, ein Was-weiß-ich. „Was Du schon wieder gehört hast! Ich mache keine Vorwürfe“.

    Bin ich überempfindlich, weil ich Vorwürfe und Zurechtweisungen schwierig finde?
    Oder spürt sie den eigenen Impetus nicht?

    Selbst eine dritte Person würde hierbei nicht helfen, denn die wäre auch subjektiv. Zudem dürfte sie für beide nicht sichtbar sein. Und beide dürften nicht wissen, daß es die 3. Person gibt. Außerdem dürfte die 3. Petrson nicht wissen, daß sie hier bewerten soll. Sie sollte wegen etwas anderem da sein und ihr Eindruck aus anderen Dingen abgeleitet werden….so in etwa.

    🙂

    Es ist ein Rätsel.

    Lieben Gruß
    Gerhard

  5. Meine heftigste Krise vor 18 Jahren hatte mit genau diesen Mechanismen zu tun. Meine damalige Freundin wollte meine Sicht der Dinge gar nicht erst hören – sie wusste genau, was Sache war. Das war’s dann. Mit unserer Beziehung.

    Wenn du mich fragtest, wie ich die Situation zum Thema vereinfacht und knapp zusammenfassen würde, dann käme in etwa so was heraus:

    Männer neigen dazu, nicht zu fühlen, »über den Dingen« zu stehen. Indem Männer nicht fühlen, können sie ihre Art von Macht ausüben, bleiben allerdings dadurch weitgehend inkompetent, was Fühlen angeht. Das meint natürlich keinesfalls, dass sie deshalb »objektiv« sind. Im Gegenteil. Diese Strategie hilft ihnen einfach, in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen unbeeinflusst von innerem Hadern und Skrupeln ihr Ding durchzuziehen. Das alles ist so selbstverständlich für die meisten Männer wie das Auf- und Untergehen der Sonne.

    Frauen haben sich hingegen ganz auf die Gefühlswelt spezialisiert, sie sehen sich sogar als geradezu überkompetent in Sachen Gefühle. Das wiederum ist ihre Machtebene, auch wenn sie diese Sicht entrüstet von sich weisen würden. Aus ihrer Sicht »ist es einfach so«: sie fühlen, sie wissen es doch. Ganz selbstverständlich werden andere, vor allem Männer, damit manipuliert. Das ist den weitaus meisten Frauen in der Regel nicht bewusst bzw. wird niemals in Frage gestellt, denn es ist Teil ihres Selbstverständnisses, ihrer Identität und somit unantastbar.

    Damit sitzen wir in der Falle, egal, welchem Geschlecht wir uns zugehörig fühlen. Um wieviel reicher und friedvoller wäre eine Welt voller fühlender Männer und »nüchterner« Frauen?

    Wenn ich mir diese (zugegeben vereinfacht dargestellten) Pole ansehe, dann wird mir klarer, wie viel anders unsere Welt ohne diese Extreme aussehen würde. Aus meiner Sicht ist das in erster Linie eine Folge kultureller Prägungen. Selbst wenn es tatsächlich biologische Neigungen gibt, die uns in die eine oder die andere Richtung schieben, so wäre es klug, diese bewusst zu begreifen und ihnen gegenzusteuern. Doch dazu müsste die Welt sich generell anders orientieren als sie es gemeinhin tut.

    Ich weiß, alleine mit solchen Äußerungen hänge ich mich mal wieder aus dem Fenster. Mich hat es ja auch nur in den Fingern gejuckt …

    Verschmitzte Grüße

    Claus

  6. @Claus, erst heute wieder:
    http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-21746-2017-08-08.html

    „biologische Neigungen…diese bewusst zu begreifen und ihnen gegenzusteuern. “

    Man muß um sie wissen und sie bedenken. Gegensteuern ist ein sehr großes Wort.

  7. Erwachen bedeutet, mich weder mit meinen Gedanken noch mit meinen Gefühlen zu identifizieren bzw. ihrer jeweiligen Geschichten eine objektive Wahrheit zuzuschreiben.

  8. Hallo Claus und Gerhard,
    hier noch ein Link zur »Kognitiven Dissonanz« (so nennt man das Nicht-Zusammenpassen von erfahrenen Fakten mit dem eigenen Weltbild) – heute auf spektrum.de in täglichen Newsletter. Auch Jed McKenna beschäftigt sich in seinen Schriften sehr ausführlich (und sehr konfrontierend) mit der kognitiven Dissonanz und unserer menschlichen Neigung unwillkommene Nachrichten abzulehnen, indem wir sie ignorieren, verzerrt wahrnehmen oder die Quelle in Zweifel ziehen.
    LG
    Wolf

  9. Ja, Wolf. Stimmt schon, dass jeder von uns ein Ich, ein Ego, ein Subjekt ist – und als soziales Wesen auch Objekt. Ich bin auch eine Geschichte, eine Verbindung, ein Zwischenschritt aus der historischen Vergangenheit in die unbekannte Zukunft. Jeder Kopf eine Welt! Ein Fixstern (oder Atom) im Kraftfeld vieler anderer Fixsterne (oder Atome). (Und dann gibt es noch die schwarzen Löcher, aber das ist ein anderes Thema!). Ich (oder Du), ein Sack voller Biochemikalien; und jeder von uns ist eine leicht veränderte, aber sehr ähnliche Ausgabe dieses (biochemischen) Modells dieses/r Muster-Mann/Frau. Aber wie kommt es, dass ich, das Subjekt, der Sack, denke, ja spreche, Entscheidungen treffe, hin und her gehe – oder auch nicht? Was ist dieses Rätsel in mir, das man „Leben“ nennt – wie es in jedem anderen auch ist. Kann es sein, dass es das ist, was manche von uns Seele, das Transzendente, das Göttliche, oder Gott nennen? Lassen wir uns einfach fallen und beobachten? Oder sind wir vom Drang zu wirken, etwas zu bewirken, gefangen? Wahrscheinlich ist es beides: wahrscheinlich wirken wir, und werden bewirkt. Aber das ist uns natürlich unbequem – wir möchten erklären können, Kausalitäten herstellen. Das Unerklärliche ist uns unangenehm. Und ausserdem lieben wir einfache Modelle, ja oder nein, weiss oder schwarz, Subjekt oder Objekt. Die Wahrheit ist aber irgendwo dazwischen (Lucas Moeller), ungenau, grau, mal eher schwarzgrau, ein ander Mal eher hellgrau. Das misshagt uns, denn das bringt natürlich Unvorhersagbarkeit mit sich. Und deswegen quälen wir uns dauernd mit diesem Versuch – wo liegt die Wahrheit? Die Wahrheit nicht zu wissen, nicht zu wissen, was geschehen wird oder kann, das macht uns Angst. Und deswegen wollen wir wissen, was ist subjektiv und was ist objektiv? Es ist beides. Ich glaube (wie es C.G. Jung mal sagte, den ich sehr verehre): die grundlegenden Fragen des Menschen (z.B. Wer bin ich?) bleiben auf Dauer ungelöst. [N.B. Und deswegen erfinden manche Gott (oder sagen, er bewirkt alles); damit kann man Ruhe finden – wenn man Gott als „Liebe“ denkt]. Da bevorzuge ich Ernst Bloch: „Die Sehnsucht scheint mir die einzige ehrliche Eigenschaft des Menschen.“ Ist das nicht wunderbar? Wie schön ist es, Sehnsucht zu spüren. (N.B. Vielleicht ist uns „Schönheit“ sogar noch wichtiger als „Liebe“)

  10. Lieber Gerhard, lieber Sugata,

    danke für die Links. Ja, wenn wir mit den biologischen Tendenzen bewusst umgehen würden, dann könnte sich wohl zeigen, was im Scinexx-Text schon angedeutet wird und was ein bekannter Forscher in etwa so auf den Punkt gebracht hat: »Ja, es gibt biologisch bedingte Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen, doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen sind größer als diese Tendenzen.«

    In dem Bericht von »Spektrum der Wissenschaft« werden allerlei typische menschliche Verhaltensweisen aufgeführt. Das sind bestimmt fundierte Ergebnisse, doch sie kommen aus meiner Sicht selbst aus einer sturen Haltung der Sicherheit: »Die Wissenschaft« weiß, was richtig und was falsch ist. Und das wird dann durchgezogen. »Irrationale« Argumente werden sofort abgebügelt, und selbst das Körnchen Anregung, die kreative Idee, ja Wahrheit darin wird ignoriert. Den Dogmatismus und die Sturheit, die in dem Artikel für die »irrationalen Vielen« beschrieben werden, vertritt die »Gegenseite« genauso – fühlt sich aber im Recht, da wissenschaftlich untermauert.

    Zum Beispiel: Die Behauptung, Impfungen verursachten Autismus ist sicher eine Extremposition. Doch niemand weiß bis heute, was Autismus verursacht. Trotzdem wird die darin versteckte Anregung, es könnte da vielleicht einen wie auch immer gearteten Zusammenhang geben, kategorisch abgelehnt und als irrational abgekanzelt. Und überhaupt: Impfungen als solche haben der Menschheit sicher eine Menge gebracht. Doch muss man deshalb unhinterfragt gegen alles impfen, gegen was man impfen kann, nur weil man es kann? Unsere Sicht auf Krankheit ist die eines Krieg führenden Staates auf seinen Feind. Ist diese Sichtweise wirklich so sinnvoll? Und muss man als Mediziner das Leben Todkranker um jeden Preis verlängern, einfach weil man es kann und ein Loslassen und Akzeptieren des Endes als narzisstische Kränkung erlebt – wobei oft die Haltung, der Wunsch der unmittelbar Betroffenen gar nicht zählt? Wieso lästert die etablierte Wissenschaft über den Placebo-Effekt, anstatt ihn zu erforschen und gezielt zu nutzen? Fragen, Fragen. Nur ein paar Beispiele.

    Vielleicht wäre es tatsächlich der wahre Fortschritt, wenn wir von klein auf trainieren würden mit »kognitiver Dissonanz« umzugehen, respektive zwei sich widersprechende Sichtweisen zu akzeptieren und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.

    Claus

  11. Liebe Diskutierende,

    habe gerade noch was gefunden, das zwar nicht direkt zum Thema gehört, doch eine Verbindung zu Allem hat, was hier bislang zur Sprache kam. George Monbiot vom Guardian beschäftigt sich in seinem heutigen Kommentar mit dem Thema, wie unsere Wortwahl, will heißen die Bezeichnung für verschiedene Ereignisse, von unserem Bewusstsein bestimmt wird und wie Worte wiederum auf unser Bewusstsein zurückwirken. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir statt »Umwelt« durchgehend das Wort »Mitwelt« gebrauchen würden?

    Ich finde den Artikel sehr interessant, auch und gerade weil er verschiedene Aspekte anreißt. Und ja, ich glaube, eine veränderte Wortwahl in vielen Lebensbereichen würde etwas bewegen. Hier der Link (Artikel in Englisch): https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/aug/09/forget-the-environment-new-words-lifes-wonders-language

    Selbst wenn die von »ehrfürchtigen Worten« ausgelösten Veränderungen vielleicht nur klein sein mögen – es wäre aus meiner Sicht ein Schritt in die »richtige« Richtung.

    Liebe Grüße

    Claus

  12. Den Guardian Artikel habe ich gelesen, Claus.
    Es ist naheliegend, daß „die Beschriftung die Melodie macht“.

    Abropos: Subjektivität. Ich lobe mir die exakten Wissenschaften, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, in einer Welt voller Subjektivität etwas OBJEKTIVES aussagen zu wollen und auch zu können!
    Manchmal geschieht ein Beweis/Nachweis erst nach Jahrzehnte geduldiger Versuchsanordnungen, wobei – und es gefällt mir sehr, man zwangsläufig zu allerlei Trugschlüssen kommt/kommen muß und so die Testanordnungen ständig verfeinern muß, immer wieder und immer wieder.
    So geht seriöse Wissenschaft!
    Und daß dann am Ende etwas herauskommt, herauskommen kann, das hart und unverrückbar ein klares Ergebnis zeitigt, das ist schon sehr erstaunlich!

  13. Hallo Wolf,

    über die Objektiverung des Subjektiven habe ich mir schon vor 20 Jahren Gedanken gemacht und in der Folge die „subjektive Wissenschaft vom Bewußtsein“ entwickelt. ->

    Die zugrunde liegende Erkenntnis ist die, daß jeder Mensch sein eigenes Universum kreiert, und natürlich ist jedes anders, aber in allen Universen gelten die gleichen objektiven Gesetzmäßigkeiten. Auf dieser Basis ist nicht nur eine sinnvolle Kommunikation zwischen den verschiedenen Individuen möglich, sondern auch eine gemeinsame subjektive Erforschung des menschlichen Bewußtseins.

    Auf dem Erleuchtungskongress in Berlin werde ich über dieses Thema sprechen. Ich freue mich schon darauf, Dich dort persönlich wiederzusehen.

    Herzliche Grüße
    Gerhard

    P.s. für Claus: Das sehe ich auch so. Vor 10 Jahren habe ich das so formuliert: Die Welt wäre eine bessere, wenn die Frauen mehr raufen und die Männer mehr kuscheln würden.

  14. Lieber Sugata,
    danke für die klärende Worte und das Plädoyer für Subjektivität.
    Die Krux ist meistens, die mögliche Diskrepanz zweier Subjektivitäten aushalten zu können – oder eben nicht.
    Die Differenz oder Diskrepanz sogar zu begrüßen, vielleicht manchmal zunächst zähneknirschend, aber dann mit ihr zu spielen und Eros und Humor darin zu entwickeln, das wäre einer der Königswege, um lieben zu lernen.
    Lg Saleem

  15. Die Eingangsfrage war:

    @Wolf: „Wenn wir etwas wahrnehmen, nehmen wir dann wirklich wahr, was da ist, oder sehen wir dabei nur unser Kopfkino…“

    Wir erleben Repräsentationen dessen, was ist. Auch unserer Körper ist so etwas wie eine Repräsentation. Man konnte in Versuchen zeigen, daß jemand, der seinen Arm verloren hatte, ihn wieder spüren kann, wenn man ihm suggeriert, er wäre da.
    Die Impulse von aussen , die Bilderschemata von innen sowie unser Denken und Fühlen erzeugen zusammen ein möglichst kohärentes Bild – für uns selbst.
    Wir können uns verständigen, weil unsere Werkzeuge praktisch die gleichen sind. Aber alle 4 Einflußgrössen sind nie deckungsgleich.

    Das nur ganz kurz und auch sicher Allgemeingut, aber dennoch schrieb ich das nochmal hin.

  16. Witzig, heute morgen beim Tee war genau dieses das Thema mit all seinen Argumenten für und wider das Gespräch mit meiner Frau. Und vorhin klicke ich auf den Link in meiner Statistik und bekomme das Thema erneut serviert. Link dazu geht an PC meiner Frau.

    Servus Matthias

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