21. Oktober 2015
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Rubriken: Spirituelles
2 Kommentare
Umschlag des Buches
Umschlag des Buches Wolf Schneider

Ernüchterung

»Kein Eso-Gesülze weckt noch Gefühle in mir, kein religiöses Pathos entlockt mir mehr eine Träne … außer dem echten Stoff.«—Wolf

Was meine eigene Szene anbelangt, die spirituelle Szene im deutschen Sprachraum – aus Lust an der Karikatur nenne ich sie manchmal salopp und etwas abschätzig die »Esos« oder »Spiris« – bin ich völlig ernüchtert. Völlig? Ja, völlig. Die Ökos, die Christen, die Anthroposophen, sie alle kann man karikieren, und das kann man eben auch mit den Spiris und Esos.

Ihre liebens-, aber eben auch verabscheuenswerten Eigenschaften kann man beobachten und auf die Schippe nehmen. Das nicht werten und nicht urteilen Wollen zum Beispiel, das positive Denken, das Gebot der Ich-Botschaften (das vor allem in der Therapieszene grassiert), die Überbewertung des Fühlens gegenüber dem Denken (bzw. des Herzen gegenüber dem Kopf), die Unfähigkeit, Irrationalität von Transrationalität zu unterscheiden und vieles mehr. 

Hier nur mal ein kleines Beispiel, an dem kürzlich meine Augen hängen blieben, ich könnte tausende weiterer nennen. In einem der Szene-Journale (es gibt mehr als 50 davon) war das, die in diesem Falle eines, das zur Bewerbung von mehr als einmal jährliche eso-spirituellen Märkten und Festivals verwenden wird. Es wurde dort einer der etwa zig Satsanglehrer der Szene interwiewt, den bei einem dieser Festivals auf dem Programm stand. Die Interviewerin fragt ihn: »Das scheint eines der größten Hindernisse zu sein, dieses steige Kategorisieren in ‚richtig‘ und ‚falsch’«. Seine Antwort: »Wir sind es so gewohnt zu urteilen, zu denken, das Eine sei besser, das Andere schlechter. Der Gedanke, dass alles einfach ist, wie es ist, und keine spezielle Bedeutung hat, bedeutet eine gewisse Konfrontation (lacht).«

Der Eso-Mainstream

Das ist Eso-Mainstream, die wellness-spirituellen und pop-spirituellen Szene-Zeitschriften sind voll davon. Immer und immer wieder müssen wir uns anhören, dass »alles ist, wie es ist« und es nur darum ginge, das zu akzeptieren. Wir sollen nichts bewerten, nichts beurteilen und endlich dem Irrglauben absagen, dass ein separates Individuum existiere und irgendjemand irgendetwas tun könne, und so weiter und so weiter. Vielleicht nervt es einen Redakteur, der aus Gründen der Marktbeobachtung zwanzig Zeitschriften dieser Art jeden Monat auswertet, eher als einen »einfachen« Leser, kann sein. Vielleicht nervt es einen, der das 25 Jahre lang tut, eher als einen, der sowas nur zwei Jahre lang lesen muss. Aber es nervt. Und ich bin schließlich dankbar dafür (ach ja, Dankbarkeit … auch so ein Eso-Thema), dass ich das in dieser Verdichtung spüren »durfte«. Nun allerdings reicht es mir. Ich bin ernüchtert. Kein Eso-Gesülze weckt noch irgendwelche großen Gefühle in mir, außer mal einem gewissen Ärger oder Bedauern, und auch sonst kein religiöses Pathos entlockt mir mehr eine Träne, außer … außer dem echten Stoff halt. Und den kann man überall finden, aber jedenfalls nicht dort in erhöhter Konzentration, wo der gepolte Eso oder traditionelle Frömmler ihn vermutet.

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Diskussion zu: Ernüchterung

  1. Wie wahr und wie ernüchternd!

    Es ist wirklich grauenhaft: Sollen wir PEGIDA etwa „einfach so hinnehmen“? Das würde die ja sehr freuen! Endlich keine Gegendemos mehr, keine lästigen Antifas und andere mehr, die sich gegen alles Rechtsradikale stellen – sondern sich damit bescheiden, die Dinge so zu lassen, wie sie sind.

    Zu politisch? Es geht auch individuell: süchtig? adipös? ab und an Panikattacken? Einfach annehmen, wie es ist! Warum etwas ändern wollen, das macht doch nur Stress….

    Es gibt kaum eine stärkere Bankrott-Erklärung der Vernunft als dieses blödsinnige „Playdoyer für die Matschbirne“, das aus diesen Kreisen kommt!

  2. Liebe Claudia,
    Annehmen wie es ist, heißt unter anderem auch „mich“ so anzunehmen wie ich bin, mit all meinen Gefühlen meinem Zorn, meiner Angst und meinem Wunsch etwas zu tun gegen Leid. Es heißt nicht! nichts zu tun, gegen Dinge die mir oder anderen Leid verursachen … auch Gandhi hat gekämpft, auch Jesus hat den Tempel von den Händlern gereinigt.

    Pegida annehmen, heißt nicht es „einfach so hinnehmen“. Es heißt die Pegida-Anhänger anzunehmen in ihrer Angst, ihrem Zorn, ihrer Orientierungslosigkeit, ihrer Aussichtslosigkeit. Und dann von dieser grundsätzlichen Annahme aus, das zu tun, was mein Herz, mein Impuls mir sagt: Manche Menschen organisieren Gegendemos, manche betreuen Kinder aus Familien, die in dieser Aussichtslosigkeit leben, manche beten und meditieren, manche kümmern sich darum, dass Mädchen in Afrika nicht mehr beschnitten werden, manche stecken den Kopf in den Sand aus Angst vor dieser Wut, vor diesem Terror … und auch diese Menschen verdienen meine Annahme!

    Etwas anzunehmen (d.h. es ist gleich-gültig … weder falsch noch richtig), heißt nicht, dass ich meinen Impulsen nicht mehr folgen darf. Im Gegenteil: Wenn mein Impuls ist, zu kämpfen, dann heißt es doch wohl auch diesen meinen Impuls anzunehmen. Aber dieser Kampf geschieht dann nicht aus Wut und Hass auf die bösen Leidverursacher, sondern nur aus dem Wunsch heraus Leid zu erlösen … und das ist der große Unterschied.

    Für mich sind da die Worte von Neem Karoli Baba ein guter Wegweiser:
    „Love everyone, feed everyone
    and always remember god.“

    Für mich bedeutet das:
    Lieben (annehmen!) immer.
    Nähren, helfen, unterstützen, Leid lindern, wo not-wendig …
    und all das mit dem Wissen, dass wir alle eins sind …

    … dass der Mensch, den ich annehme, nicht wirklich getrennt ist von mir, seine Nöte sind mir bekannt – ich kann sie spüren, als wären es meine eigenen. Ich kenne sie – vielleicht nicht gerade oder genauso, aber ich kenne sie: Auch die Gefühle eines Pegida-Anhängers!

    Ich fühle das Entsetzen und den Schmerz der Menschen, die gerade (in dem Augenblick in dem du das liest) in irgendwelchen Kellern gefoltert werden … und genauso den abgrundtiefen Hass und die entsetzliche Kälte der Menschen, die foltern, vergewaltigen und töten.

    Annehmen heißt nicht, ich lasse den Bettler im Straßengraben verhungern, weil ja alles „gleich-gültig“ ist, sondern heißt: Ich gebe ihm Brot. Annehmen heißt, ich lasse nicht zu, dass der Rechtsextremist einen Flüchtling prügelt, sondern versuche es zu verhindern … mit all den Möglichkeiten die mir zur Verfügung stehen. Und es bedeutet, ich nehme auch den Rechtsextremisten an: Ich sehe seine Dumpfheit, seinen Zorn, seinen Hass und seinen verzweifelten Versuch Sicherheit und Macht zu erlangen aus einem Dasein in Ohnmacht und Demütigung.

    Annehmen entläßt mich ganz sicher nicht aus meiner Verantwortung, mich zu kümmern um alle und alles was lebt und leidet – auf meine Art und Weise … mit all meinen menschlichen Schwächen, Fehlern und Ängsten (Moskitos erschlage ich leider noch immer :-))

    Annehmen heißt für mich, ich nehme auch dich an in deinem Zorn, spüre deine Entrüstung und deinen Wunsch Leid und Unrecht zu beenden. Gut. Jeder auf seine Art und Weise. (Nur zur Info: ein Süchtiger muß erst mal seine Sucht „annehmen“, heißt sich damit versöhnen, bevor etwas geändert werden kann, bevor Heilung geschehen kann.)

    Ich merke gerade: Eigentlich hätte ich statt meiner vielen Worte nur Neem Karoli Babas Worte schreiben können 😉
    Verhalte dich einer anderen Person gegenüber so, wie es dir richtig erscheint, aber verstoße sie niemals aus deinem Herzen.

    Vielleicht sind seine Worte die Synthese von:

    „Wir sollen nichts bewerten, nichts beurteilen und endlich dem Irrglauben absagen, dass ein separates Individuum existiere und irgendjemand irgendetwas tun könne …“

    und:

    „süchtig? adipös? ab und an Panikattacken? Einfach annehmen, wie es ist! Warum etwas ändern wollen, das macht doch nur Stress ….“ ?

    Om mani padme hum
    Mögen alle Menschen die Wahrheit ihrer Seele erfahren.

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