Verkehrstote in Deutschland monatlich © 2015 grafische Gestaltung T. Brügge mit Bildquelle: Kutsyi Bohdan/Shutterstock.com & Photographee.eu/Shutterstock.com

Erleichternde Todeszahlen und das Geschenk des Terrors

»Um Freiheit zu entdecken, braucht es unsere Bereitwilligkeit, im Angesicht von Todesangst innezuhalten«—Torsten Brügge

Ja, Terroranschläge wie jener in Paris sind erschreckend. Für den Schock und das Leiden jedes Betroffenen und für die Trauer der Angehörigen können wir Mitgefühl empfinden. Die Einzelschicksale zu betrachten und zu achten, ist wichtig.

Zugleich sollten wir die derzeitigen Opferzahlen aber auch im Verhältnis dazu sehen, wie sonst Schicksalsschläge unser Leben – in Deutschland und anderswo in Europa – beenden können. Das relativiert vielleicht die Terrorangst und macht deutlich, wie relativ sicher, wir hier immer noch leben. Oder umgekehrt: Wie ganz andere Schicksalsschläge als Terrorgewalt unser Leben jederzeit beenden können und wie wertvoll es sein kann, sich der Allgegenwärtigkeit des Todes bewusst zu sein.

Dazu nur zwei Vergleichszahlen. In Paris kamen gerade ca. 130 Menschen durch die Anschläge ums Leben. In diesem Jahr zählen wir mit dem Anschlag auf Charly Hebdo bisher 142 verstorbene Menschen für Frankreich. ABER: Jeden Monat sterben allein in Deutschland um die 200 bis 300 Menschen bei Verkehrsunfällen. Nochmal: JEDEN MONAT 200 BIS 300 VERKEHRSTOTE! Jedes Jahr sterben in Deutschland zwischen 10.000 und 30.000 Menschen an einer Grippe-Infektion. Nochmal: JEDES JAHR 10.000 BIS 30.000 GRIPPETOTE! Vielleicht sollten wir in Deutschland alle Autofahrten vor 7:00 Uhr morgens verbieten? Ein noch müder Fahrer könnte als Schläfer an einer Terrorkreuzung doch viele Unschuldige mit in den Tod reißen. Und wie wäre es mit einem inländischen Bundeswehreinsatz, bei dem unsere deutschen Soldaten mit ihren schief schießenden Sturmgewehren sämtliche Grippeviren im Land abknallen?

Aber im Ernst: Die reale Gefahr, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, ist bei uns noch immer noch ungeheuer gering. Machen wir uns da nicht zu Geiseln der Terroristen, wenn das öffentliche Leben, wie es gerade in Belgien geschieht, derart eingeschränkt wird? Erreichen die Terroristen – oder diejenigen, die Interessen an diesem Terror haben – nicht gerade dadurch viele ihrer Ziele: Die Verbreitung von Angst und Schrecken? Die Einschränkung freiheitlicher Lebensweisen? Die weitere Spaltung des Gesellschaft?

Was könnte die spirituelle Dimension der Terrorherausforderung sein? Hoffen wir darauf, wir könnten und sollten in Sicherheit vor terroristischen Anschläge leben, machen wir uns zu Sklaven unserer Angst. Eine solche Sicherheit ist pure Illusion. Spirituelle Selbsterkenntnis schaut der Vergänglichkeit aller Lebensformen stets rückhaltlos ins Auge. Sie lädt ein, die Begegnung mit Todesangst als Transformation hin zu der Lebendigkeit eines freien und bewusst unsicheren Lebens zu nutzen. Die Erfahrung unseres wahren Selbst ermöglicht es, uns in der Stille reinen Gewahrseins zu gründen, das niemals geboren wurde und niemals sterben kann. Das alles schenkt uns die Freiheit, aus der Angst-Vermeidungs-Spirale auszusteigen. Dann wird gelassenes und weises Handeln möglich, jenseits von Schnell-Schuss-Abwehrreaktionen, die gewöhnlich allzu rasch nach „Vergeltung und Krieg!“ schreien.

Viele Menschen ist diese Erfahrung echter, spiritueller Freiheit noch unbekannt. Umso mehr ist es an der Zeit, über sie zu sprechen und zu ihr einzuladen. Die klassischen Formulierungen der Weisen „Um frei zu sein, musst du sterben, bevor du stirbst“ ist damit aktueller denn je. Ich würde es so formulieren: Um Freiheit zu entdecken, braucht es unsere Bereitwilligkeit im Angesicht von Todesangst innezuhalten und zunächst nichts zu tun, sondern den Schrecken zuzulassen. Darin stirbt unsere Identifikation mit einem sterblichen Wesen. Was übrig bleibt ist freies und mutiges LEBEN. Zumindest in dieser Möglichkeit liegt ein Geschenk des Terrors und jedweder sonstigen Bedrohung.

Torsten Brügge, Hamburg 24.11.2015

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Diskussion zu: Erleichternde Todeszahlen und das Geschenk des Terrors

  1. Lieber Torsten,

    mir scheint, Du hast da das Kind beim Namen genannt: Je mehr wir uns an unsere Identitäten und »Sicherheiten« klammern, desto mehr Angst haben wir vor dem Terror.

    Unsere Zeit definiert sich ja besonders über Kontrolle und Identitätsgefühl. Das macht die Dinge wohl eher schlimmer, denn niemand will mehr einfach nur er oder sie selbst sein: Zu begrenzt, zu klein, zu unbedeutend. Nicht einzigartig genug.

    All das ist Öl ins Feuer der Angst, und die Terroristen (oder auch die Amokläufer) sehe ich ja nur als die (negativen) Zerr- und Spiegelbilder dieser Mentalität. Im Moment ihrer Taten sind sie die Helden in ihrem eigenen Kosmos von Werten und Beziehungen.

    So könnten wir, wie Du sagst, die Attentate zum Anlass nehmen, mal inne zu halten und uns zu fragen: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Zu fühlen, was da ist, auch den Schrecken und die Angst. Und es annehmen als einen Fingerzeig zu einem freien und mutigen Leben. So wie wir sind.

    Claus

  2. Danke für den Text!
    „Unser wahres Selbst … das niemals geboren wurde und niemals sterben kann. “
    Was bedeutet das ? Schon hundertfach gelesen, sagt es mir dennoch JETZT zu wenig. Ein „Selbst“ sollte doch in irgendeiner Form „personal“ sein, aber da die Person mit dem Tod aufhört zu existieren, was beinhaltet denn dann das Selbst weiter?!

  3. Lieber Gerhard,

    Danke für Deine Nachfrage. Gewöhnlich wird der Begriff „Selbst“ tatsächlich in Verbindung mit einem persönlichen Ich verwendet. Das gilt für das moderne psychologische Erkenntnisfeld. Da geht dann um „Selbstbilder“, „Selbstwert“, „Selbstbestimmung“ usw. . Auch in den meisten spirituellen Ausrichtungen hat „Selbst“ eine Nähe zu persönlichen Erfahrungen. Auch wenn es um ein „höheres Selbst“ geht schwingt da der Geschmack einer Individualität in Abgrenzung zu anderen individuellen Wesenheiten – oder auch Seelen – mit. Dann gibt es jene spirituellen Erkenntniswege, die eindeutig auf eine transpersonale, überindividuelle Erfahrung hinweisen. Aber auch hier wird der Begriff „Selbst“ oft mit dem individuellen Ich verknüpft. Zum Beispiel wenn im Buddhismus von dem „illusionären Charakter des Selbst“ oder von der Einsicht in das „Nicht-Selbst“ gesprochen wird.

    Anders wird der Begriff im Advaita-Vedanta oder verwendet. Hier bezeichnet „Selbst“ das, „was dasselbe in allen ist“. Dieser tiefste Wesenskern erweist sich in mystischer Schau als der eigentliche Urgrund aller Wesen und aller Erscheinungen. Wird er direkt erfahren, macht sich das durch die Abwesenheit der sonstigen Eigenschaftszuschreibungen auf der persönlichen Ebene bemerkbar. Alle geschlechtlichen, körperlichen, charakterlichen und sonstigen Zuschreibungen verlieren sich hier oder werden als bloße geistige Konstrukte erkannt, die letztlich leer von festem Inhalt sind. Zugleich eröffnet sich ein gespürtes Wissen um die Allverbundenheit allen Seins, das zugleich als Leere und Fülle erfahren wird – ohne dass es da ein Ich gibt, das dies erfährt. Man könnte sagen: Das transpersonale Selbst erlebt sich wieder als das, was es wahrhaft ist, wenn die Illusion der Begrenzung auf das „kleine Ich“ wegfällt.

    So wie der eigentliche Wesenskern einer Welle im Ozean Wasser ist, welches in allen Wellen und in der Tiefe dasselbe Wasser ist. Die Form der Welle wäre die persönliche Ebene. Auf der Erscheinungsebene kann „gibt“ es das auch und da kann persönliche Individualität Wert geschätzt werden. Doch tiefer als das, beständiger, unbewegter ruht das Meer in sich. Auch wenn die Welle vergeht, bleibt der Ozean. Dieser Geschmack der „Nie-Sterblichkeit“ kann erfahren werden, wenn sich unser Gefühl der Identifikation mit einer – mit einer persönlichen Identität – löst. Das ist – meiner Erfahrung und meinem Eindruck nach – die Erkenntnis aller Mystiker. Sie eröffnet sich als gnadenvolle Einsicht oder als Frucht der Reifung durch aktive Selbsterforschung. Beides ist dasselbe.

    herzlich

    Torsten

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