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Drei Grund-Dimensionen psychologisch-spiritueller Reife: WAKE UP, GROW UP, CLEAN UP

ERWACHEN, ERWACHSENWERDEN, AUFRÄUMEN

Für viele Diskussionen rund um das Thema Spiritualität, deren Beziehung zu psychologisch-spiritueller Entwicklung und sonstigen Lebensfeldern ist die Sichtweise des Integralen Modells nach Ken Wilber hilfreich. Es beschreibt, wie umfassende spirituelle Freiheit und Weisheit mehrere Aspekte umfasst. Dabei gibt es nach Wilber drei Hauptthemen, die nur in ihrer Gesamtheit authentische spirituelle Befreiung und deren Lebensbezug verständlich werden lassen. Man könnte sie „Grunddimensionen“ nennen.

Ein Hinweis: Das Integrale Modell umfasst tatsächlich noch weitere wichtige Elemente. Allerdings werde ich darauf aus Gründen der Vereinfachung in diesem Text nicht eingehen.

Nach meinen nunmehr 25 Jahren als „spiritueller Finder“ und ca. 18 Jahren (auch) als „spiritueller Lehrer/Begleiter“ bildet diese integrale Sichtweise die bisher besten und genausten Beschreibungen, spirituelle Freiheit auf einer Meta-Ebene zu reflektieren. Hier will ich eine sehr komprimierte Zusammenfassung der drei Grunddimensionen erläutern. Wer sich eingehender damit beschäftigen will findet Hinweise dazu am Ende des Textes.

Sich mit diesen Grunddimensionen zu beschäftigen, erweitert den eigenen Horizont für individuelle und kollektive Entfaltung von Bewusstsein und lässt einen in manchen Debatten und Diskussionen schnell erkennen, wo welche Grunddimensionen angesprochen werden und ob es ausgewogene oder einseitig verzerrende Perspektiven sind.

WAKE UP – Erwachen zum Einssein

Die erste Grunddimension nennt Wilber „Zustandserwachen“ (englisch: WAKE UP).

Diese ist vielleicht die „spirituellste“ der drei Dimensionen, weil es hier um die Entdeckung von Bewusstseinszuständen oder Bewusstseinsqualitäten geht, die im starken Kontrast zur Gewohnheitswirklichkeit unseres bekannten Tageswachbewussteins stehen. Dieses spiegelt uns vor, eine von Anderen und der Welt getrennte Person zu sein, die mit einem eigenständigen Ich-Kern ihr Leben mehr oder weniger durch persönlichen Willen kontrollieren kann. Doch in mystischem Erleben können sich für Menschen spontan oder in der Folge der Beschäftigung mit spirituellen Themen oder Praktiken ganz andere Erfahrensweisen eröffnen.

Ein Aspekt davon besteht in der die Erfahrung des „kausalen Urgrundes“ oder des „unpersönlichen Zeugenbewusstseins“, wie Wilber es nennt. Dies besteht als unberührtes, stilles Gewahrsein, welches allen wechselnden Zuständen von Wachen, Träumen und Schlafen zugrunde liegt. Stilles Gewahrsein ist letztlich kein Zustand, sondern kann eher als Bewusstseinsraum beschrieben werden, in dem alle Bewusstseinszustände, also die Kombination von Bewusstseinsinhalten wie Gedanken, Gefühle, und Empfindungen, auftauchen und wieder verschwinden. Deshalb ist der Begriff „Zustandserwachen“ vielleicht nicht hundertprozentig passend. Als ungefähre Benennung soll er aber ausreichen.

Der kausale Bewusstseinsraum an sich bleibt unberührt von allen Erscheinungen und hat in gewisser Weise absolut nichts mit den Inhalten zu tun, so wie ein Raum unabhängig davon besteht, was in ihn hinein oder heraus getragen wird. Das tiefste „Zustandserwachen“ besteht dann in der weiteren – oder gleichzeitigen –  lebendigen Erkenntnis, dass der kausale Urgrund und die Welt der Erscheinungen nicht voneinander getrennt sind. Das nennt Wilber – und andere Mystiker – „Bewusstsein der Nondualität“ oder kurz „Nondualität“. Man kann es auch als allumfassendes Einssein bezeichnen. In unserer Raummetapher würde dies bedeuten, dass die Erscheinungen im Raum quasi gleichzeitig als Ausstülpungen des Raumes in sich selbst hinein erkannt werden. Der umgebende, reglose Raum und seine sich wandelnden Inhalte sind ein aus einem Guss bestehendes Dasein.

In der Erfahrung von kausalem und nondualem Bewusstsein verschwindet der Glaube an die Realität eines eigenständigen und willkürlich handelnden Ichs. Es wird klar, dass Alles und Nichts letztlich ein unbeschreibliches und unfassbares Sein ist, in der jede Trennung nur als illusorisches Konstrukt erscheint.

Tiefe WAKE-UP-Erkenntnisse werden zum Beispiel in Aussagen wie „Alles ist Bewusstsein“ oder „Nichts ist jemals geschehen“ verbalisiert. Wobei solche sich scheinbar widersprechenden Aussagen gleichwertig paradox nebeneinander stehen. WAKE-UP-Erkenntnis offenbart das zeitlose, geschlechtslose, alterlose, raumlose, formlose Gewahrsein, das zugleich den Wesenskern jeder formhaften Erscheinung im gewohnten Verständnis von Zeit und Raum ausmacht. Diese oft auch als „Erwachen“ betitelte Erfahrung, ist  – wie die Tiefe des Ozeans unter der Welle – jederzeit in voller Gänze zugänglich ist. Die direkte Erfahrung davon entzieht sich allerdings dem begrifflichen Denken, sondern offenbart sich in direkter mystischer Schau. Das Verstandesdenken kann aber zumindest versuchen es in Worte zu fassen, auf die Erfahrung verweisen oder manchmal auch zu der direkten Erfahrung einladen.

GROW UP – Perspektiven und Mitgefühl erweitern

Doch „Zustandserwachen“ ist nur eine Dimension umfassender psychologisch-spiritueller Freiheit. Ein zweiter besteht in dem „Erwachsenwerden auf der relativen Erscheinungsebene “ (Wilber: GROW UP). Dies bedeutet, dass das Individuum und auch kollektive Strukturen immer größere Weitsicht entwickeln. Ein immer größerer Kreis des Mitgefühls öffnet sich. Es können immer mehr und mehr Perspektiven eingenommen und ein immer umfassenderes Verständnis für die verschiedenen, holarchisch gegliederten Entwicklungsebenen des menschlichen Bewusstseins aufgebracht werden. Diese Bewusstseinsebenen erstrecken sich über ein Spektrum, das man unterschiedlich fein gefächert beschreiben kann. In einer einfachen Auffächerung werden diese folgendermaßen benannt: archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch, integral.

Es würde an dieser Stelle den Text sprengen, die einzelnen Entwicklungsebenen genau mit ihren individuellen, kollektiven, inneren und äußeren Aspekten zu beschreiben. Deshalb führe ich sie im Folgenden nur kurz mit  jeweils einigen Stichworten auf, die eine erste Ahnung ihrer Eigenschaften eröffnen sollen.

Wer sich intensiver und mit einer noch feineren Auffächrung damit beschäftigen möchte, kann dies hier tun:

ARCHAISCH: symbiotische, physiologische Eingebundenheit in Naturprozesse – triebhaftes Überleben

MAGISCH: animistische Wahrnehmung – Ahnengeister – präkonventionelle Moral – „Recht des Stärkeren“ – eigene Allmachtsfantasien – egozentrische Triebe

MYTHISCH: traditionell-religiöse Überlieferung von Werten – Wortgläubigkeit an „heilige Schriften“ – Gruppenzugehörigkeit – Machtübertragung auf Götter und Autoritäten – konventionelle Moral – Ethos der Gruppe – absolutistisch – Neigung zu Fundamentalismus

RATIONAL: Vernunft getragen – kritisches Hinterfragen traditioneller Werte – Individualisierung –technisch-wissenschaftlicher Fortschritt – persönliche Selbstverwirklichung – aufgeklärte Werte – beginnende Gleichberechtigung – Glaubensfreiheit – Trennung von Staat und Kirche

PLURALISTISCH: einfühlsame, sensitive Weltsicht – Betonung menschlicher Verbundenheit – universelle Bürgerrechte – verwirklichte Gleichberechtigung – sexuelle Selbstbestimmung – große Toleranz – Minderheitenschutz – humanistischer Idealismus – nachhaltige Umweltbeziehung – relativistisch

INTEGRAL: Integration aller vorherigen Ebenen ohne Abspaltung oder kulturellen Relativismus – Holarchie (Anerkennung aller vorherigen Ebenen mit deren Hierarchie-Gefüge) – Bewusstsein – transpersonale Selbstverwirklichung – Flowerfahrung – transrationale Wahrnehmung – Quadranten-Bewusstsein (Perspektivenvielfalt: individuell/kollektiv – innerlich/äußerlich)

Weitere Ebenen folgen im Laufe der Evolution.

Die Ebenen gehen nach- und auseinander, wie sich  konzentrisch erweiternde Kreise, hervor. Trotzdem neigen die Ebenen von archaisch bis pluralistisch dazu, ihre eigene charakteristische Sichtweisen und Sichtweite jeweils als die einzig wahre zu behaupten und sowohl gegen tiefere, als auch höhere Ebenen zu kämpfen.

Erst ab der integralen Ebene wird Bewusstsein fähig, seine eigene Entwicklung in der Erscheinungswelt „rückwirkend“ reflektierend zu begreifen. Das führt dann zu einer umfassenden Integration gepaart mit holarchischer Einordnung und Wertpriorisierung aller vorherigen Ebenen. Man (an)erkennt den Nutzen, aber auch die Begrenzung und schädlichen Verzerrungen jeder Ebene.

GROW-UP-Erkenntnis entwickelt sich in der Zeit, wie eine kontinuierliche Erweiterung einer Welle an der Oberfläche des Ozeans, die immer mehr Breite und Weitsicht um sich herum entdeckt und zugleich – nach unten hin – immer tiefer das Einssein aller Wellen mit dem Ozean erspürt. 

CLEAN UP – Schattenbereiche erhellen

Die dritte Grunddimension psychologisch-spiritueller Entwicklung nennt Wilber „CLEAN UP“ und meint damit Schattenarbeit oder Schattenintegration. Das bedeutet: Bisher verleugnete oder blind ausagierte Anteile des Egos werden dabei bewusst wahrgenommen und erlebt. Es wird zum Beispiel möglich, existentielle Angst, Wut und Bedürftigkeit zu fühlen, ohne sie zu verdrängen oder ihren Impulsen in destruktives Ausleben folgen zu müssen. Dadurch transformieren sich die Schattenanteile, verlieren ihren – für sich selbst und andere – leidvollen und Leid erschaffenden Charakter und lassen immer mehr Urvertrauen, Liebe und transzendente Erfüllung durchscheinen.

Das Ego-Ich, also die Sammlung der unbewussten und Leid erzeugenden Muster, wird dadurch gelöst und transparent für die Transzendenz des Seins, also für die er- und gelebte Erfahrung nondualen Bewusstsein.

Obwohl das Konstrukt des Egos in der WAKE-UP-Erfahrung als vollkommen illusorisch erfahren wird, bleibt es auf der Erscheinungsebene eine relative, aber sehr wohl bedeutsame und wirkliche (im Sinne von „wirk“ende) Erscheinung. Bei sich fortsetzender GROW-UP- und CLEAN-UP-Erweiterung wird das persönliche Ich immer durchleuchtender für die transzendente Wahrheit von Einssein und Frieden.

Die Gleichzeitigkeit des jähen absoluten WAKE-UP-Erwachens und die sich über Zeit erstreckende relative Entwicklung vom GROW-UP-Erwachsen-Werden begleitet  von einer CLEAN-UP-Schattenbewusstheit ist kein Widerspruch, sondern eine paradoxe Wahrheit. Man könnte auch sagen: Bei gelungener Bewusstseinserweiterung und Schattenarbeit werden wir zu einer Welle, die immer klarer die Tiefe und Allverbundenheit des Ozeans widerspiegelt – sowohl im körperlichen, emotionalem, als auch mentalem Erleben und Ausdruck.

Erwachen ist nicht genug

Tiefe Erkenntnis in der WAKE-UP-Dimension, also das Erleben kausalen und nondualen Bewusstseins, kann ein Reifen in der GROW-UP- und CLEAN-UP-Dimension erleichtern.

Die De-Identifikation von der Gewohnheitswirklichkeit eines vermeintlich eigenständigen Ichs und das Lösen von bisher gewohnten Wahrnehmungs- und Verdrängungsmustern kann ein neues transformiertes Erleben eröffnen. Wir trennen uns von alten Sichtweisen und aus der Intelligenz der Stille heraus eröffnen sich neue. Mit der Fähigkeit als Zeugenbewusstsein zu ruhen, gewinnen wir auch die Fähigkeit, schmerzhafte Schattengefühle direkt zu erleben, ohne uns in destruktive Abwehrmechanismen zu verstecken oder gehen zu lassen.

Es kann allerdings auch „nach hinten losgehen“. Tiefe WAKE UP- Erkenntnisse, die bloß noch verkonzeptualisiert werden, können zu einer Dissoziation von der Erscheinungswelt führen oder sogar die Abwehrmechanismen der Schattenbereiche verstärken. Anstatt dass ein natürliches GROW-UP und CLEAN-UP geschieht, glaubt sich der oder die „Erwachte“ als vollständig befreit und vernachlässigt oder verleugnet sogar jeden Aspekt von CLEAN-UP und GROW-UP im Namen der „absoluten Ich-Losigkeit“. Oft werden dann blind die eigenen Ego-Muster, bzw. die reaktiven Abwehrmechanismen weiter ausgelebt und womöglich noch mit „nondualen“ Scheinargumenten als besonders erleuchtet verklärt. Oder die eigene begrenzte GROW-UP-Perspektive werden als absolute Wahrheiten hingestellt und andere Sichtweisen als „Illusion“ oder „unerleuchtet“ abgetan.

Nicht selten findet man bei mangelnder GROW-UP-Entwickung eine plumpe Anti-Intellektualität und erstaunlich undifferenzierte oder sogar – im Namen der Nondualität – dualistisch polarisierende relative Sicht- und Ausdrucksweisen.

Nach dem „Wilber-Combs-Raster“ kann man es auch so betrachten: WAKE-UP-Aspekte sind jederzeit zugänglich, egal welche GROW-UP-Entwicklung oder welcher CLEAN-UP-Schatten aktiv ist. Doch die WAKE-UP-Einsichten werden durch die jeweilige GROW-UP-Weitsicht und die CLEAN-UP-Bereinigtheit als ein Filter interpretiert, ausgedrückt und gelebt.

Geht man davon aus, dass alle drei Grunddimensionen wichtig sind und jeweils beachtet oder missachtet werden können, kann man vieles in der psychologisch-spirituellen Entwicklung besser verstehen, als wenn man nur um eine oder zwei Dimensionen weiß.

Torsten Brügge, 23.3.17.


Deutschprachige Infos zum Integralen Modell:

Texte von mir, mit integralen Bezügen:
http://www.bodhisat.de/index.php/artikel-connection-xi.html
http://www.bodhisat.de/index.php/artikel-connection-ix.html

http://www.bodhisat.de/index.php/poster-integrales-modell.html
http://www.bodhisat.de/index.php/artikel-connection-iii.html
http://www.bodhisat.de/index.php/artikel-connection-ii.html

Weitere ausführliche Infos und dort weiterführende Links:

http://integralesleben.org/index.php?id=678
https://www.facebook.com/groups/integralesforum/

 

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Diskussion zu: Drei Grund-Dimensionen psychologisch-spiritueller Reife: WAKE UP, GROW UP, CLEAN UP

  1. Danke Torsten für die komprimierte Darstellung dieser Konzepte. Sie sind wirklich unmittelbar einsehbar und praktisch anwendbar.

    In der transpersonalen Psycho-Szene findet sich eher das Phänomen, dass GROW UP und CLEAN UP gesucht, praktiziert und zu einer gewissen Reife gebracht werden, aber die WAKE UP- Dimension fehlt. Das gibt auch irgendwie eine „Schieflage“: Viel Wissen über Spirituelles gepaart mit großem Übungseifer, aber wenig „Tiefgang“.

    Liebe Grüße
    Marianne

  2. Danke Marianne,
    ja, jede Szene hat wohl ihre Schwerpunkte und dann wiederum Vernachlässigungen oder Oberflächlichkeiten in anderen Bereichen.
    „Ich selbst“ war sicherlich für viele Jahre der recht absolutistische WAKE-UP-TYP. Dann kam das Intergrale Modell und das Enneagramm dazu, was mich aus der übermässigen Dissoziation herausholte oder eben Schattenbereiche integrierte und meine Sichtweisen erweiterte.
    Alles gehört dazu. Alles zu seiner Zeit.

    lieben Gruß und alles Gute

    Torsten

  3. Ich würde allerdings die Entwicklungslinie der Herz-Öffnung nicht einfach unter „Erwachsenwerden“ subsumieren – das ist eher ein Heil-Werden von innen heraus. Vielleicht wäre es sinnvoll, das Modell noch um eine vierte Dimension – die Liebe – zu erweitern.

  4. oder die LIEBE ist ein Phänomen aller drei Aspekte: non-duale Durchdringung aller Bewusstseinszustände, umfassender Kreis des Mitgefühls auf den Ebenen und Transparenz für das Transzendente durch einen beleuchteteten Schatten 🙂

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