Tinkwasservernichtung in Syrien © 2015 grafische Gestaltung T. Brügge mit Bildquelle: Lightspring/Shutterstock.com

Dreckige Militärschläge in Syrien

Militärische Lösungen scheinen manchmal einfach und verlockend wirkungsvoll – aber auch nur auf den allerersten Blick. In den letzten Wochen wurden in Syrien im Kampf gegen den IS ca. 1000 Tanklastzüge bombardiert und zerstört. Zunächst vor allem durch die russische Luftwaffe. Die Amerikaner zogen dann wohl nach. Das Ziel dieses Bombensturms bestand darin, den Verkauf von Erdöl durch den IS vor allem in den Irak – und wohl auch in die Türkei – zu verhindern. Die Millionen- und Milliardengewinne sollten dem IS genommen werden, um ihn finanziell auszutrocknen. Das hört sich zunächst verlockend effektiv an. Zumindest dann, wenn man den Tod der LKW-Fahrer und der sich in der Nähe eines explodierende Tanklastwagens aufhaltenden Zivilisten sofort ganz ausblendet. Tatsächlich sollen Fahrer zumindest bei den amerikanischen Angriffen vorher durch Flugblätter gewarnt worden sein. Wenn das tatsächlich geschehen ist, wäre das eine menschliche Geste. Bei ihren mörderischen Drohnenangriffen, bei denen in etwa 6000 Todesopfer seit 9/11 2001 zu bedauern sind, war das US-Militär nicht gar so „menschenfreundlich“. Doch wieviele der Fahrer und Zivilisten haben diese Warnungen ernst genommen? Oder wie viele wurden durch IS Kämpfer doch gezwungen, in den fahrenden Todesfallen sitzen zu bleiben?

Trinkwasser für 18 Jahre weg

Viel schädlicher wird sich aber vermutlich ein ganz anderer Sachverhalt auswirken, von dem ich in den Medien noch kein einziges Wort gehört habe. Man stelle sich das nur vor: 1000 Tanklastwagen, die der IS intensiv benutzte. Wie viele von denen waren mit Öl beladen? Hat man darauf Rücksicht genommen? Davon habe ich in den Berichten nichts gehört. Unter militärischen Gesichtspunkten greift man diese wahrscheinlich an, sobald man die Chance dazu hat, ohne zu prüfen, ob der Wagen gerade leer ist oder vielleicht doch 10.000 Liter Öl geladen hat. Egal. Bombe drauf. Buuum. Fertig.

Nehmen wir nur mal an, dass von den 1000 LKWs die Hälfte mit Öl beladen war. In der Fahrschule lernt man, dass ein Tropfen Öl, der ins Grundwasser gelangt, 600 Liter Trinkwasser ungenießbar macht. Um die Umweltschäden allein schon nur in Bezug auf die Vernichtung von Trinkwasserreserven einzuschätzen, recherchierte ich noch ein wenig: Ein Liter Öl setzt sich aus ca. 350 Tropfen zusammen. Ein mittelgroßer Tanklastwagen kann ca. 13.000 Liter Öl transportieren. Also  nahm ich die Taschenrechner-App meines Handys und tippte die Rechnung ein.

        500 bombardierte, beladene Tanklastwagen

X 13.000 Liter Fassungsvermögen eines Wagens

X      350 Tropfen Öl in einem Liter Öl

X      600 Liter durch einen Öltropfen vergiftetes Trinkwassers

—————————————————————————————————-

=      1365.000.000.000 Liter ungenießbares Trinkwasser

Das sind 1365 Milliarden Liter. Die Alster – der schöne Stadtsee Hamburgs – hat ca. 3,4 Milliarden Liter Wasser. Das bedeutet mit diesen „sauberen Angriffen“ wird ein Vergiftungspotential erzeugt, das Trinkwasser in der 400fache Menge der Alster unbrauchbar machen könnte. Eine weitere Rechung: Mit dieser Menge könnte man die gesamte Bevölkerung Deutschlands ca. 18 Jahre lang mit ausreichend Trinkwasser versorgen.

Sollen die Öl trinken?

Es ist mir schon klar, dass die Errechung der obigen Zahl mit heißer Nadel gestrickt ist. Ein Teil des Öls verbrennt bei den Explosionen. Soll man sagen: „Gott sei Dank?“ Und auch, wie sich die Menge Öl in dieser Region ganz genau auf die Grundwasserverhältnisse und die Trinkwasserversorgung auswirkt, ist schwer abzuschätzen. Worauf die obigen Zahlen aber hinweisen: Auch neben den schon beklagenswerten Verletzen und Todesopfern eines Militärschlages gibt es andere verheerende Langzeitfolgen. Die Bomben zerstören nicht nur Leben. Sie zerstören auch Lebensgrundlagen! Und dann erwarten wir, dass die Syrer doch bitte in diesen zerstörten, von Öl verseuchten Regionen bleiben oder dorthin nach dem „Sieg über den IS“ zurückkehren sollten? Wollen wir, dass die Erdöl zum Essen trinken?

Gab und gibt es nicht auch ganz andere politische Mittel, dem IS die Gewinne aus dem Ölverkauf zu entziehen? Hätte man nicht jene Länder, die dieses Öl kaufen politisch unter Druck setzen können? Oder finanzielle Anreize für jene Handelsstrukturen  setzten können, die es schmackhaft gemacht hätten, auf den Handel mit dem IS zu verzichten? Anstatt intensiv nach solchen Lösungen zu suchen, sind wieder mal Bomben das schnelle Mittel der Wahl. Die Rüstungsindustrie frohlockt. Hat man aus den Destabilisierungen des Iraks, Afghanistans und Libyens nicht genug gelernt, welche Auswirkungen das hat? Der IS ist ja gerade auch durch die verheerende Zerstörung der irakischen Lebensverhältnisse in Folge der Militärinterventionen des Westens groß geworden.

In 77 Minuten in den Krieg

Frau von der Leyen spricht davon, Syrien nach dem Sieg über den IS wieder aufzubauen. Aber welche Kosten hat es, die von Öl verschmutzten Landschaften wieder zu reinigen oder die Menschen, die dort wieder leben sollen, über Jahrzehnte mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Wer macht sich Gedanken über solche Dinge? Stattdessen peitscht der Bundestag die Zustimmung zum Militäreinsatz mit einer Debatte durch, für die man gerade mal 77 Minuten eingeplant hat. Sogar das recht bombwütige britische Parlament hat sich dafür immerhin 10 Stunden Zeit genommen. Aber müsste es nicht bei solch schwerwiegenden Entscheidungen eine viel längere und bedächtigere Vorlaufzeit geben? Müsste man nicht haargenau durchdenken welches – wenn überhaupt sinnvolles – militärische Vorgehen, genau welche Folgen hat?

Weisheit bedeutet auch Weitsicht. Davon sehe ich bei dieser Entscheidung im Bundestag quasi nichts. Es macht mich schon betroffen genug, dass Deutschland überhaupt wieder in den Krieg zieht. Doch dass dies noch auf diese dumme, übereilte, unüberlegte, kurzsichtige Weise geschieht, finde ich unter aller Sau. Ich würde mir wünschen, dass Gott mal ein kleines Wunder bewirkt und sich beim nächsten Anstoßen der Kabinettsmitglieder der Sekt in ihren Gläsern in Erdöl verwandelt. Dann prost auf den Krieg!

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Diskussion zu: Dreckige Militärschläge in Syrien

  1. IS ist meiner Ansicht nach kein regionaler Staat (mehr; bzw wars ja nie), sondern wird mehr und mehr zu einer „IDEE“.

    Heute hat sich „der IS“ ja auch zu den Anschlägen vorgestern in Kalifornien „bekannt“.

    Irgendwann, oder eh schon, bekennen sich die zu jedem Terroranschlag auf dieser Welt, der auch nur im entferntesten Sinne mit dem Islam in Verbindung gebracht wird.

    Und die Politiker der „Allierten gegen den IS“ verwenden dass natürlich auch nur allzugern als Legitimation, gegen den IS in Syrien und Irak zu bomben.

    Ich seh ja beides als Quatsch an: Sowohl zu glauben, der „Islamische Staat in Syrien & Irak“ sei *direkt* für diese Anschläge verantwortlich. Und ihn deshalb zu bomben.

    Als auch das „Gegenargument“, er hätte damit nix zu tun, kommt ja alles aus den inneren eigenen Reihen, also aus französischen Vorstädten, oder amerikanischen, usw usf … … halte ich für Quatsch und zu kurzsichtiges Denken.

    Natürlich hat der IS indirekt damit zu tun. Er ruft ja dazu auf ! Er fordert ja „strenggläubige Muslime“ in der ganzen Welt dazu auf, mit Gewalt gegen „uns“ vorzugehen, „wo immer wir auch sind“. (uns im Sinne von Christen, Angehörige der westlichen Staaten, usw).

    Das legitimiert dann jene Verrückten, die dann mit Bomben und Maschinengewehren in ihrer eigenen nahen Umgebung sich „an der bösen Gesellschaft“ rächen, welchen persönlichen Grund sie da auch immer haben möchten, wodurch ihr „Hass auf alles“ auch immer geschürt wurde.

    Der „IS“ dient da einfach nur als Ausrede und „Entschuldigung vor dem Herrn“.

    Und auch vielen Kämpfern des „IS“ dient Religion an sich (und somit der Islam) nur als Ausrede, um *kämpfen* zu können, weil Kopf abschneiden ja so „geil“ ist, und weils ebenfalls eben viele gescheitere junge Existenzen sind, ohne Aussicht auf ein halbwegs normales Leben … mit viel Hass auf jene, die sie umgeben.

    Bomben bringen nix.
    Keine Bomben bringen auch nix.

    Es geht da gar nicht (mehr) um den IS als dieses regionale Gebilde „da unten“, sondern um eine Idee in den Köpfen gewaltbereiter Islamisten. Und die sind halt mitten unter uns.

    Also wohin mit den Bomben?

    Lösung? Sorry, hab ich keine.

  2. Warum gibt es eigentlich keine Fatwa gegen die Angehörigen des IS?
    Ist das, was sie tun dem Islam weniger abträglich als Rushdis „Satanische Verse“?

  3. Ich mag nicht diskutieren
    Ich spür einfach große Resonanz in meinem Herzen wenn ich die Blickwinkel einnehme, die Torsten aufgezeigt hat.
    Ich fühle Traurigkeit und Schmerz über unsere Verblendetheit
    als menschliche Spezies. Auf einen kleinen Nenner gebracht ist dies alles für mich nichts anderes was im Tierreich auch geschieht. Wenn aus Angst, ihr Territorium zu verlieren, eine Katze die andere angreift. Nur die Folgen für uns als Menschenrasse sind viel gravierender. Unsere Angriffe sind mit Massenzerstörungsmittel.
    Ich spür Ohnmacht , weil ich so gern hätte, daß die politisch verantwortlichen Menschen ihr Weisheitspotential und den Verstand in einer Weise nützen würden, die allen zum Wohl gereicht.
    Ich bin auch wütend, und es macht mir Angst das alles zu sehen.
    Und doch ist etwas auch ruhig damit.
    Und mitfühlend .
    Mögen wir alle aufwachen für unsere Verbundenheit und aufhören mit diesem Scheiß Kriegs Spiel.

  4. Danke Angelina, das ist eine sehr schöne Beschreibung des inneren Erlebens eines offenen Herzens. Wie Gangaji sagt: „Der Herz kann brechen, immer weiter aufbrechen“ Mögen wir alle aufwachen und ein verletzliches Herz zulassen, das um das ewig heile HERZ weiß.

  5. Der IS ist nicht unser Feind.
    Für denjenigen der meint sich verlesen zu haben wiederhole ich: Der IS ist nicht unser Feind.
    Doch, ich bin dafür, die Attentäter in Paris, sofern sie sich nicht selbst ins Jenseits befördert haben – möge Allah ihrer Seele gnädig sein – zu verfolgen, sie dingfest zu machen und vor Gericht zu stellen. Ich weiss auch, dass sie aus der Ideologie des IS heraus handelten. Dennoch sage ich: Der IS ist nicht unser Feind.
    Der IS greift uns per Terror an, weil wir einmal vor einiger Zeit Kreuzzüge gegen den Islam gemacht haben? Ist ja schon etwas lange her, so an die 900 Jahre… aber bitte, ich finde Frankreich fällt kein Zacken aus der Krone, wenn es sich in aller Form beim IS entschuldigt und das Unrecht anerkennt, welches damals dem Islam durch sich christlich dünkende ‚Ritter‘ angetan wurde.
    Der IS ist kein Verhandlungspartner, mit brutalen Mördern redet man nicht? Doch, denn es sind Menschen.
    Der Spiegel, das bekannte Nachrichtenmagazin, hat in der Ausgabe 48/2015 ein Interview gebracht mit einem… schwierig zu beschreiben, einem politischen Aktionskünstler, Philipp Ruch. Der hat jetzt auch ein Buch geschrieben, ein politisches Manifest. Und ausserdem schmiert er sich Ruß ins Gesicht und behauptet, das würde bedeuten, dass er aus der Apokalypse kommt.
    Spätestens beim Ruß merkt man: Ruch (klingt ja ganz ähnlich) ist ein legitimer Nachfahr des Narren an Fürstenhöfen. Den Narr nimmt keiner ernst, und deshalb darf er die Wahrheit sagen.
    Und unser Narr hat einen neuen Begriff gefunden: Er proklamiert ‚politische Schönheit‘. Der Interviewer vom Spiegel, durchaus bewandert in der Politik, hat sowas noch nie gehört und fragt verblüfft: „Was ist politische Schönheit?“ Und Ruch antwortet:
    „Die Reaktion der indischen Regierung auf die Anschläge in Mumbai 2008 war ein Akt von seltener politischer Schönheit: Statt einen Krieg mit Pakistan loszubrechen, statt massiv die Rechte der Muslime einzuschränken, was viele politische Beobachter erwartet hatten, bewies der Staat die Größe, den Angriff auszuhalten. Menschen, die gelernt haben, Angriffe auszuhalten, die sich nicht gezwungen sehen, jeden Angriff blind zu vergelten, sind etwas unfassbar Schönes. Sie können Terroristen durch deren eigene Taten demütigen, und zwar dadurch, dass sie sie damit alleinlassen.“
    Man stelle sich vor: Da werden viele Menschen durch IS-Terroristen brutal umgebracht und Frankreich unternimmt als Reaktion – nichts! Da muss man sich doch als überzeugter Terrorist leicht blöd vorkommen…
    Der Narr an Fürstenhöfen sitzt zu Füssen eines Herrschers; nehmen wir hier als Herrscher den französischen Präsidenten Hollande. Hollande, seit längerer Zeit in der Kritik stehend und nicht gerade mit überlegener Einsicht gesegnet – sagen wir mal besser, von brutaler Mittelmässigkeit – hört auf Volkes Stimme und plant jetzt den Krieg gegen den IS. Da wird eine Koalition geschmiedet und jetzt natürlich mit Bodentruppen, jetzt machen wir’s richtig, einen Vernichtungsfeldzug gegen den IS.
    Nach allem was wir vom IS hören, rechnet der damit und freut sich darauf. Da werden dann hunderte von Sprenggürteln bereitstehen und hunderte von mit Sprengstoff beladenen Pick-ups. Die Verluste westlicher Bodentruppen werden viel grösser sein als erwartet, der ‚Feind‘ wird nicht zu fassen sein, denn zu einem offenen Kampf wird der IS sich nicht stellen sondern aus dem Hinterhalt angreifen und bei massiver Militärpräsenz wird er sich auflösen. Der Westen wird mit Flächenbombardements antworten und tausende von unschuldigen irakischen oder syrischen Männern, Frauen und Kindern werden sterben. Das nennt man Kollateralschaden. Und der Hass der arabischen Welt auf den Westen wird ins Ungemessene wachsen – und wird unzählige neue Terroristen gebären.
    Das Ganze ist schon einmal passiert. In Afghanistan und im Irak. Der Herrscher hat Recht, denn er hat die Macht und Volkes Stimme auf seiner Seite. Und der Narr sagt die Wahrheit auch wenn niemand auf ihn hört.
    Der IS ist nicht unser Feind.

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