Der böse Gutmensch

»»Liebe und tue, was du willst!« Nur mit dieser Haltung kann ich auf die Not, die an meiner Türe anklopft und auf Antwort wartet so reagieren, wie sie es braucht.«—Marianne Gallen

 Vor kurzem hörten wir in den Nachrichten, dass eine unabhängige Jury von Sprachwissenschaftlern das Wort »Gutmensch« zum Unwort des Jahres 2015 gekürt hat.

In ihrer Pressemitteilung heißt es dazu:

Als „Gutmenschen“ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf „Gutmensch“, „Gutbürger“ oder „Gutmenschentum“ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm oder weltfremdes Helfersyndrom diffamiert. Der Ausdruck „Gutmensch“ floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird hier und dort auch schon von Journalisten in Leitmedien verwendet.

Menschen, die es mit anderen gut meinen und sich in ehrenamtlichem Einsatz beherzt engagieren, erregen öffentliches Ärgernis. Der Zorn, den sie mancherorts auf sich ziehen, steigert sich im Extremfall bis zu tätlichen Angriffen auf ihr Eigentum. (Beispiel)

Der Schatten der guten Tat

Um verständlich zu machen, welchen Schatten gute Taten werfen können, möchte ich an dieser Stelle die Aussagen des Enneagramms heran ziehen. Mit Hilfe dieses Spiegels können wir verborgene Motivationen in die Wahrnehmung bekommen. Hier heißen sie »Leidenschaften«: Die Antriebe, von denen wir alle unbewusst gesteuert werden, die Beweggründe, die nahezu jede eigene Handlung beeinflussen, ohne dass wir es merken.

Dem Enneagramm-Muster, das immer und allen bereitwillig helfen möchte – der ZWEI – liegt als Antriebskraft der »Stolz« beziehungsweise der »Hochmut« zu Grunde. Es ist angewiesen auf ein bedürftiges Gegenüber, das Hilfeleistungen gerne entgegen nimmt und mit Dankesbekundungen belohnt. Funktioniert dieser Deal, dann werden Nöte angemessen beantwortet und beseitigt und der Selbstwert des Gebenden durch ein stolzes Hochgefühl (»ich bin gut«) genährt.

Im Schatten solcher Aktionen bleiben die eigene Bedürfnisse und die Abhängigkeit vom hilfsbedürftigen Gegenpol.  Anders ausgedrückt:  Der so motivierte Helfer braucht die Not des anderen, um sich ein gutes öffentliches Ansehen zu verschaffen. Seine eigenen Bedürfnisse verleugnet er dabei. Solches Tun ist alles andere als selbstlos.

Der spirituelle Lehrer A.H. Almaas formuliert für jedes Enneagramm-Muster als Kernthema eine typische Verblendung und eine daraus resultierende Ego-Aktivität:  Am Punkt ZWEI sieht er die spezifische Verblendung in der falschen Überzeugung be­gründet, man besäße einen eigenständigen Willen, der unabhängig vom Rest des Universums agiertDas entspricht dem Glauben, dass es ein eigenständiges Ich gibt, das bestimmen kann, was geschieht und die Dinge auf seine eigene Art ursächlich in Bewegung bringt. … Die spezifische Reaktion (die Ego-Aktivität) auf die Erfahrung, dass die Dinge nicht so laufen, wie man es möchte, ist eigenmächtiges Handeln, der Versuch, sich stur gegen das Universum zu stellen und seinen eigenen Willen durchzusetzen  (aus: Facetten der Einheit, S. 180ff. ).

Ich vermute, dass es genau diese unterschwellig spürbare Eigenwilligkeit ist, die in den derzeitigen Flüchtlingsdebatten so stark die Gemüter derjenigen Zeitgenossen erhitzt, die sich einer solchen Machbarkeits-Philosophie nicht anschließen wollen.

Der »Dämon des stolzen Hochgefühls«

Machik Labdrön, eine Lehrerin des tibetanischen Buddhismus (11./12. Jh.) erwähnt die »Dämonen des stolzen Hochgefühls«, die an »Geltung, Leistung oder Erfolg gekoppelt sind und zur Selbstherrlichkeit führen. Zu ihren äußeren Ursachen gehören unter anderem Ruhm und Ansehen sowie die damit verbundene Macht und die Aufmerksamkeit, die erregt wird. « (aus: Tsültrim Allione, den Dämonen Nahrung geben, S. 152)

In einem ritualisierten Vorgehen, das Lama Tsültrim Allione auf dem Hintergrund dieser Lehre – dem so genannten »Chöd« – entwickelt hat, wird solchen Dämonen nicht mit Kämpfen und Abwehr begegnet, sondern sie werden »gefüttert«. Was bedeutet das?

Schattenaspekte und blinde Flecken lassen sich nur wandeln, wenn wir genau verstehen, wie sie »gestrickt« sind. Sie hatten und haben immer eine not-wendige Funktion in unserem Leben und unserer Biographie und nur, wenn diese zugrunde liegende Not sinnvoll beantwortet wird, können wir darauf verzichten.

Die Bedürftigkeit im Verborgenen

Was könnte also die zugrunde liegende Bedürftigkeit einer »Politik des Zuviel des Guten« sein? Sehen manche von uns in der Flüchtlingskrise vielleicht die Chance, den Image-Schaden unserer nationalsozialistischen Vergangenheit endgültig auszumerzen? Wollen wir der Welt beweisen, dass unsere globalen Krisen nur mit den echten »deutschen Tugenden« sinnvoll angegangen werden können und alles andere nicht funktioniert? Ich kann hier nur spekulieren …

Solche und andere selbstkritische Fragen sollten sich jedoch meiner Meinung nach all jene Helfer stellen, die nicht durch blinden Stolz in die totale Selbst-Überforderung und damit in den Burn-Out geraten wollen.

Wirklich Gutes tun

Wirklich Gutes tun und Gutes bewirken, ist also gar nicht so einfach, wie es zunächst erscheint. Es reicht nicht, sich einen (vermeintlich) guten Willen auf die Fahnen zu schreiben, die wir vor uns hertragen. Spätestens beim dritten (trotzig-eigenwilligen) »Wir-schaffen-das!« merkt das jeder.

Auch hier hat das Enneagramm eine Anregung, wie man den Fallen der Selbst-Verstrickung entkommen kann – es zeigt Entwicklungswege auf. Die Entwicklung von ZWEI geht zur VIER, an den Enneagramm-Punkt wo die Selbstliebe ein Muster ist und das Individuelle der eigenen Existenz betont wird: Sich zu allererst um sich selbst kümmern und gut auf sich selbst aufpassen, ist das A und O bei ehrenamtlichen Hilfseinsätzen und da, wo ich an Grenzen meiner Belastbarkeit stoße, sie auch ernst nehmen.  Frei-Willigkeit und individuelle Freiheit sollten dabei die Grundlagen jeden Engagements sein. Für mich drückt sich das am besten in dem Spruch des Kirchenlehrers Augustinus aus: »Liebe und tue, was du willst!«

Nur mit dieser Haltung kann ich auf die Not, die an meiner Türe anklopft und auf Antwort wartet so reagieren, wie sie es braucht.

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Diskussion zu: Der böse Gutmensch

  1. Man sollte sein Tun also immer überdenken: Was könnte die eigentliche Motivation sein? Blind den eigenen Impulsen immer hinterherrennen ohne ein Hinterfragen, das ist kopflos.
    Dem steht natürlich das alte Verdikt gegenüber: „Hier heißt es Handeln, nicht lange überlegen! “
    Es bedarf entsprechende Erfahrung oder entspr. Methoden, um die eigentlichen Hintergründe seines Fühlens und Tuns entdecken zu können.

    Danke für den Artikel.

  2. Das wäre dann der Spontanitäts-Killer, lieber Gerhard … 😉

    Ich würde auch nicht sagen, dass es um „Überdenken“ geht, eher um ein Inne-Halten und Hin-Spüren, was da gerade in die „falsche Richtung“ läuft. Das tut „mensch“ in der Regel nur dann, wenn er/sie einen Leidensdruck verspürt.
    Und ja, um verborgene Motive aufzuspüren, braucht es irgendeine „Methode“, die gewohnten Bahnen und Sichtweisen auch mal zu hinterfragen – das sollte dann zu einer Meta-Perspektive führen.

  3. Liebe Marianne,
    Überdenken ist garnicht so ein falscher Term, denke ich 🙂
    Überdenken heißt für mich, das Geschehen anschauen, ihm Raum geben.

    Durchs reine Denken fand ich auch einmal einen Schlüssel für ganz spezifische Ängste ( die ich jetzt aber nicht darstellen wil, auch wenn es schade ist), die ich mir auch während Therapien davor nie erklären konnte. Der Schlüssel war offenbar so unglaubwürdig gewesen, daß ich lange Zeit nichts mit ihm anfangen konnte. Als ich ihn aber erneut gedanklich im Visier hatte, auf einem einsamen Spaziergang, passte er plötzlich völlig.

  4. Liebe Marianne, dem letzten Satz in Deinem Artikel möchte ich etwas entgegensetzen: Die Not, die an meine Tür klopft, braucht Hilfe. Punkt. Zweckmäßige Hilfe. Die Motive des Helfers spielen für den Notleidenden keine Rolle. Ich denke, das sollte man trennen.
    Wenn im Fall der Flüchtlinge die Helfer als „Gutmenschen“ kritisiert werden, dann hat das wenig mit deren tatsächlichen oder unterstellten Persönlichkeitsproblemen zu tun, sondern unerwünscht sind für manche die Auswirkungen und das Signal, das von der guten Tat ausgeht: „Flüchtlinge willkommen!“
    Dass Menschen auch aus problematischen Gründen helfen (Schuldgefühle, Stolz, „Helfersyndrom“) und an ihre Grenzen kommen, steht auf einem eigenen Blatt.

  5. Liebe Barbara,

    danke für Dein Statement.

    Die Not, die an meine Tür klopft, braucht Hilfe. Punkt.

    Ja, sehe ich auch so …

    Zweckmäßige Hilfe. Die Motive des Helfers spielen für den Notleidenden keine Rolle. Ich denke, das sollte man trennen.

    Das sehe ich anders, da bin ich durch meine Therapieausbildungen ziemlich sensibilisiert. Platt ausgedrückt: Wenn es mir selbst nicht gut dabei geht, kann ich auch nichts Gutes für andere bewirken. Das hat viel mit dem „Freiraum“ zu tun, in dem mein Handeln stattfindet. (Handlungsräume sind oft durch zweifelhafte Beweg-Gründe verstellt.)

    Dort, wo ich selbst ehrenamtlich tätig bin – das sind andere Felder als die Flüchtlingshilfe – achte ich für mich gut darauf, dass es mir selbst Freude macht und ich nur so viel mache, wie ich es gerne und mit Leichtigkeit tue. Der innere Antrieb ist dabei eine Art „Brennen“ für das Projekt …

  6. Einverstanden, liebe Marianne,
    ich wollte darauf hinweisen, dass die Hilfe für Flüchtlinge eine pragmatische, politische und eine persönlich-psychologische Dimension hat, die man m. E. schon unterscheiden und einzeln betrachten kann, je nach Zusammenhang.

    Übrigens halte ich auch viel vom Enneagramm.

  7. die Erfindung des Gutmenschen legitimiert nahezu unbegrenzten Egoismus…

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