05. Februar 2017
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Rubriken: Rezensionen
2 Kommentare

Buchempfehlung: Das Tagebuch der Menschheit, Was die Bibel über unsere Evolution verrät

Wir leben in aufregenden Zeiten, vielleicht in einem Paradigmenwechsel. Jeden Tag gibt es neue Anlässe für Diskussionen. In all der Aufgeregtheit kann es nicht schaden, sich auf die Wurzeln der conditio humana zu besinnen. Dazu verhilft dieses Buch.

Warum wird in der Genesis die Erschaffung der Menschen gleich zwei mal und unterschiedlich erzählt? Was war paradiesisch am Garten Eden? Ist der freundliche Gott in den Psalmen derselbe, der auch unschuldige Kinder in der Sintflut ertrinken ließ? Wie verträgt sich der Monotheismus mit der Dreifaltigkeitslehre? Was passiert mit den Seelen Verstorbener bis zum Jüngsten Gericht?

An diesen und vielen anderen Fragen, die die Bibel aufwirft, arbeiten sich Theologen seit Jahrhunderten ab. Jetzt kommen zwei Agnostiker, die das Buch der Bücher mit Hilfe zahlreicher Quellen aus vielen Wissenschaftsbereichen neu deuten, und siehe da: Die Fragen werden umfassend, fundiert und überzeugend beantwortet. Der Anthropologe und Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Historiker und Literaturwissenschaftler Kai Michel haben zusammen „Das Tagebuch der Menschheit“ geschrieben (erschienen im September 2016 im Rowohlt Verlag, 24,95 €). Für sie ist die Bibel nicht nur Zeugnis der jüdischen und christlichen Religion, sondern die wichtigste Quelle für essentielle Aussagen über das Wesen der Menschen und die Geschichte ihrer natürlichen und kulturellen Entwicklung.

Über tausend Jahre wurde an der Bibel geschrieben. Doch schon lange vorher gab es den Glauben an übernatürliche Wesen, die Angst vor dem Tod und die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Das ist eine Konstante der Menschheit, die sich in der Zeit der Jäger und Sammler entwickelt hat, und die größtenteils auch die aktuell verbreitete Abkehr von den Religionsgemeinschaften überdauert.

Van Schaik und Michel spannen einen Bogen von Adam und Eva über Jesus und die Apokalypse bis zum heutigen Status quo der Religionen. Ihr Buch ist ebenso informativ wie spannend und gut lesbar. Die fünf Teile plus Einleitung und Epilog sind klar gegliedert und aufeinander aufgebaut. Die kurzen Unterkapitel enden jeweils mit einem dezenten „Cliffhanger“, der den Leser verführt, weiter und weiter zu lesen. Die Sprache orientiert sich am Wortschatz des gebildeten Laien, ist aber auch locker und fantasievoll. Da werden schon einmal die Patriarchen des Alten Testaments mit den Oberhäuptern von TV-Serien-Clans verglichen, oder das junge Christentum als das Schweizer Messer unter den Religionen bezeichnet. Das Buch bietet intellektuellen Gewinn und großes Vergnügen.

Die Bibel ist hier nicht das perfekte Wort Gottes, sondern eine aufschlussreiche Menschheitsgeschichte. Der Sündenfall geschieht, indem die Menschen sesshaft werden und Besitz anhäufen. Daraus folgen Ungleichheit und Gewalt. Die Entstehung von Städten und größeren Gesellschaften fördert die Verbreitung von Krankheiten und Seuchen. Sie werden als die Strafe Gottes für die zunehmende Sittenlosigkeit angesehen. Sühneopfer spielen nun eine wichtige Rolle. Auch Kriege, Niederlagen und Versklavung zeigen den Zorn Gottes über Verfehlungen seines Volkes. Die Einhaltung der umfassenden Verhaltensregeln der Tora sollen ihn versöhnen. Ihre Hygiene-Vorschriften sind eine Mischung aus Empirie und magischen Vorstellungen. So ist die Weiterentwicklung der Religion immer wieder eine Antwort auf die Nöte der Menschen. Sie dient der Welterklärung in vorwissenschaftlichen Zeiten, der Entlastung und dem Zusammenhalt.

Die Autoren sehen die moderne Wissenschaft als Erbin der intellektuellen Religion, von der sie sich erst seit 300 Jahren abgelöst hat. Sie beenden ihre Abhandlung mit der Feststellung, dass es weiterhin jedem Leser der Bibel überlassen bleibt, zwischen den Zeilen den göttlichen Geist zu verspüren.

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Diskussion zu: Buchempfehlung: Das Tagebuch der Menschheit, Was die Bibel über unsere Evolution verrät

  1. Liebe Barbara,
    was sind die Wurzeln der Conditio humana? Was sie biologisch sind, dazu sagt die Bibel nicht viel, meine ich. oder Irreführendes. Was sie kulturell sind, dafür ist sie eine reiche Fundgrube und hat auch viel dazu beigetragen, kulturelle Strukturen zu erschaffen, die dann Conditio für unser Befinden sind.
    Was ich an deinen Texten so sehr mag, ist, dass sie sich – unablässig und unendlich fantasievoll – um die Erforschung der Conditio humana drehen, und dass du dich auf dieser Forschungsreise nicht von Besserwissern verleiten lässt, dich auf irgendeinen der populären Trampelpfade zu begeben.
    Ich hätte mir dieses Buch nicht gekauft – ich kauf mir sowieso fast keine Bücher, insofern sagt das nichts –, aber ich finde deine Zusammenfassung des Inhalts verlockend, die Bibel in Zukunft mehr als eine solche Fundgrube zu betrachten und nicht mehr so sehr als Geißel in der Hand von Fundamentalisten, was sie ja auch oft genug war.
    Auch für mich gibt es dort viele Stellen, wo ich den göttlichen Geist zwischen den Zeilen verspüre oder ihn sogar als direkt wörtlich ausgedrückt empfinde, soweit das überhaupt menschenmöglich ist (das ist es ja eigentlich nicht, auch das findet man in der Bibel ausgedrückt), – so zum Beispiel im Hohelied, im Gleichnis vom brennenden Dornbusch, in der Bergpredigt und in vielen Gleichnissen des Jesus von Nazareth.

  2. Lieber Wolf, danke für Dein Feedback!
    Auf der Website des Rowohlt Verlags zu dem Buch gibt es eine ausführliche und erhellende Leseprobe.

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