27. März 2017
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Rubriken: Persönliches, Spirituelles
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BeFree – vom Wagnis ein Liebender zu sein

»'Der Mensch ist erst dann ganz Mensch, wenn er spielt, schrieb Friedrich Schiller und meinte damit das, was im Sanskrit 'Lila' genannt wird«—Wolf

Regina Heckert gehörte für mich als Herausgeber der Connection Tantra Specials zu meinen Lieblingsautoren. Immer, wenn ich einen Text von ihr bekam, schnappte ich mir den gleich aus meiner Mailbox, las ihn mit Hochgenuss und gab ihm dann einen Ehrenplatz, meist weit vorne im Heft. In den letzten Jahren meiner Zeit als Herausgeber der Connection-Hefte waren die Texte von Regina oft illustriert mit den wunderschönen Zeichnungen von Anja Katharina Halbig. Als ich im Jahr 2016 nach 30 Jahren Verlegerdasein durch die Beendigung dieser Tätigkeit mehr Zeit hatte für anderes, konnte ich auch mal an einem der BeFree Festivals teilnehmen, fing Feuer nun auch für Reginas praktische Arbeit und bin jetzt, im Jahr 2017, bei allen vier Festivals auf Gut Frohberg als Gastlehrer dabei.

Inzwischen habe ich drei BeFree-Trainings als Teilnehmer und Workshopleiter selbst erlebt. Regina bat mich zu beschreiben, was ich an diesen Trainings bemerkenswert finde. 

Der Mensch ist ein Spielender

Als erstes möchte ich Reginas Humor nennen und ihre spielerische Art Themen anzugehen. Das gilt sowohl für Themen, die für viele Menschen aufgrund ihrer Erziehung mit Scham besetzt sind, wie auch für solche, die scheinbar Unaussprechliches berühren oder sich bisher hartnäckig einer Veränderung widersetzt haben. So wie ich sie auf Gut Frohberg als Mutter Oberin erlebt habe, in ihrem Nonnengewand als in Jesus verliebte Heilige, die zugleich die Zögerlicheren unter ihren Schäfchen zum Sündigen ermutigte, das war zugleich religiöse Hingabe pur, wie auch so unnachahmlich komisch, dass ich dabei zugleich von Lach- und Weinschluchzern nass wurde im Gesicht. Es erinnert mich an spirituelle Ekstasen, wie ich sie aus asiatischen Ashrams und Klöstern kenne. Bei Regina sind es eher Ekstasen aus dem katholischen Kulturraum – das Himmlische zeigt sich in den verschiedensten Gewändern, die Entrückung und Verzückung ist dieselbe. Und sie ist auch dieselbe, die wir in der Liebe und im Sex erleben.

»Der Mensch ist erst dann ganz Mensch, wenn er spielt«, sagte einst Friedrich Schiller dazu. So zu spielen ist nichts Unechtes, im Gegenteil, es ist echter und macht uns echter als wir es im Alltag normalerweise sind. Unser Liebesleben ist für die meisten von uns der dramatischste Teil unseres Lebens – und die meisten derer, für die das nicht so ist, wünschen sich solch eine Dramatik. In diesem Liebes-Spiel sind wir tragikomische Figuren, und unsere kleine persönliche Identität ist darin nur ein Witz. Ich Tarzan, du Jane? Ich Shiva, du Shakti? Das Große verbirgt sich im Kleinen, im Spiel entdecken wir es.

Bildungen und Einbildungen

Nicht alle kommen zum Spielen hierher. Es kommen auch Verzweifelte, deren Verstrickungen ihnen als unauflösbar erscheinen, als tragisch und erdrückend. Menschen kommen in die BeFree Trainings aus den unterschiedlichsten Gründen. Manche suchen hier eine Verbesserung ihrer Partnerschaft, andere einen Partner. Die einen wollen besseren Sex, andere eine Vertiefung ihrer Liebesfähigkeit. Nicht wenige der Teilnehmer haben ein für normale Ansprüche befriedigendes Liebesleben, vermissen dabei aber den Bezug zum Heiligen, Sakralen, zur Transzendenz und wollen hier das Göttliche in sich entdecken oder es stärker zum Vorschein bringen. Es kommen Menschen mit Einschränkungen aller Art, vor allem aber mit Mängeln und Einschränkungen, die sich vor Ort als Einbildungen herausstellen. Und auch diejenigen, die ihre Bildung als einen Schatz mit sich herumtragen – ist nicht unsere gesamte Bildung und biografische Konditionierung Einbildung? Beide Begriffe, »Bildung« und »Einbildung«, stammen von dem sprachgewaltigen mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart, für den sie beide etwas Positives bezeichneten: Der Mensch als Werdender wirft ein Bild von sich hinaus und steigt dann in dieses Bild ein. Ja, wir können uns ändern. Sagen sie das nicht alle, die Coaches und Therapeuten, und bieten dann oft doch nur neue Routinen an, die zu neuen Gefängnissen werden und neue Abhängigkeiten schaffen? Hier, in den BeFree Trainings können wir auf unserem Weg der Entwicklung und Reifung auch die neuen Gefängnisse wieder verlassen: We are here – to be free.

Die Komfortzone

Das ist dann vielleicht eine Flucht nach vorne. Die gerade von Coaches viel besprochene Komfortzone bietet nämlich tatsächlich den wohligen Komfort der Akzeptanz des: Du bist so, wie du bist, völlig in Ordnung! Du brauchst nirgendwo hinzugehen als wo du schon bist. Du brauchst kein anderer zu werden. Lass einfach den Stress fallen, dass irgendetwas an dir nicht in Ordnung ist. Sei, wie du bist! 

Als derjenige, der ich bin, bin ich aber auch ein Aufbegehrender, Aufbrechender, Mutiger, der hinaus will aus der alten Fassung und es wagt, ein anderer zu sein. Ich darf so sein, wie ich bin, und darf dabei auch ein aus der alten Fassung Explodierender sein! Ob ich bleibe oder nach vorne flüchte, die Verantwortung dafür liegt bei mir. Gehe durch das Tor der Peinlichkeit hindurch, sagt Regina, denn dort, außerhalb deiner gewohnten Komfortzone, warten ungeahnte Lüste auf dich! Sei mutig, trau dich, du hast nichts zu verlieren außer deinem alten Gefängnis – und dann wird auch noch am Rande des Gruppenraums, in dem es gut zur Sache geht, ein Käfig aufgestellt, genannt »Tantra-Gefängnis«, für diejenigen, die vorerst in ihrer Komfortzone bleiben wollen. Denn es muss ja keiner raus aus dem Vertrauten. 

Auch daran wird man hier immer wieder erinnert: Geh nur so weit, wie es für dich stimmt. Niemand muss, niemand sollte seine eigenen Grenzen missachten. Viele sind hier, um gerade das zu erlernen: Grenzen zu setzen. Vor allem den Frauen gegenüber betont Regina immer wieder, dass sie den Männern genau sagen sollen, wie es für sie gut ist, und wenn ein Mann mehr von ihr will, als sie zulassen will, dann muss sie Nein sagen. Sie kann ihn dann z.B. bitten, sie zu segnen, anstatt sie zu berühren, so dass er in seinem Drang und seiner Liebe sich nicht zurückgewiesen fühlt und sie trotzdem dabei ihre Grenzen wahrt. 

Sowohl für ein Zögern oder einen Rückzug wie auch für einen mutigen Schritt nach vorne tut es gut Verantwortung zu übernehmen und nicht die Umstände dafür verantwortlich zu machen oder den Partner. Wenn einem Teilnehmer eine Übung mal wirklich zu weit geht über das emotional Verkraftbare hinaus, und er oder sie das Gefühl hat, auf der Stelle fliehen zu müssen, dann sollten wir zu ihr oder zu einem ihrer Assistenten gehen, sagt Regina, und nicht ohne ein Gespräch den Raum verlassen, darum bittet sie uns. Denn meistens ist gerade dann ein ganz tiefes Thema berührt, und davor zu fliehen ist nicht der Weg zur Heilung. Dennoch: Es wird niemand im Raum festgehalten. Alles geschieht hier freiwillig, ausnahmslos, immer.

Wagnisse eingehen

Gerade die Chance, hier etwas auszuprobieren, was man noch nie gemacht hat, zieht viele Menschen an. Bei den meisten der Festivals beträgt die Teilnehmerzahl mehr als hundert, so dass es allein schon durch die Vielfalt der Teilnehmer ausreichend Gelegenheiten gibt, hier auf Menschen zu treffen, mit denen man Lust bekommt, in der einen oder anderen Übung etwas zu wagen, was man noch nie gemacht hat. Es gibt Veranstaltungen im großen Raum, an denen alle teilnehmen, und andere in Kleingruppen, wo man unter mehreren parallel stattfindenden Angeboten sich eines auswählen kann. Ungefähr zwanzig Assistenten und Helfer sorgen dafür, dass alle Teilnehmer sich gut betreut fühlen. Das Team von Gut Frohberg sorgt für die gut ausgestatteten Unterkünfte und die sehr gute Küche. In den Pausen gibt es immer Tee, Kaffee und Obst, die Sauna ist täglich offen, und wenn mal etwas nicht funktioniert, kann man einen Techniker rufen.

Doch zurück zum Abenteuer: Weil hier für das Äußere gut gesorgt ist und niemand gepusht wird, eigene Grenzen zu ignorieren, ist das Ambiete der BeFree Festivals nicht nur eine therapeutischer Raum, in dem alte Wunden geheilt werden können, sondern auch ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene, die in ihrem Liebesleben etwas Neues ausprobieren wollen. 

Männer und Frauen

Regina leitet Frauengruppen. FfF (Frauen für Frauen) ist ein von ihr entwickeltes Programm, und ihre Frauentrainings sind berühmt. Was dort passiert, weiß ich natürlich nur aus zweiter Hand, aber es muss gut sein, denn ich sehe, wie die Frauen aus diesen Trainings herauskommen. Und ich weiß, wie Regina in den Gruppen für Männer und Frauen vom Leid der Männer spricht, die von Frauen abgewiesen werden. Das habe ich so nur selten von einer Frau gehört. Dass Männer ihr Herz nicht öffnen, klar, und dass die armen Frauen deshalb so leiden, weil die Männer so schwanzfixiert sind und bei den Frauen halt erst das Herz sich öffnen muss, ehe sie sich sexuell öffnen, auch das hört man oft. Aber dass es bei den Männern ein ähnlich großes Leiden gibt wie bei den Frauen, weil es eben typisch Mann ist, dass er erstmal sexuell auf die Frau abfährt und dann erst sein Herz sich öffnet, das hört man seltener. Im »tantrischen Energiekreislauf« ist das die Grundlage: Die Energie fließt von der Brust der Frau zur Brust des Mannes, dann im Mann nach unten und vom Lingam des Mannes zur Yoni der Frau, wo sie aufsteigt in ihr Herz. Einander gegenübersitzend, atmend, praktiziert man diesen Kreislauf, in dem man sich vorstellt, dass die Energie so fließt. 

Damit die Spannung zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen im einander Erkennen nicht verloren geht und, wie so oft, im Beziehungsalltag, tut es gut, das Weibliche und das Männliche auch einzeln zu zelebrieren, in Frauen- und Männergruppen. Regina trennt dazu in den Festivals und Retreats der männlich-weiblich gemischen Events die ganze Gruppe immer wieder für einen Tag und eine Nacht in eine Frauen- und eine Männergruppe. Da ist man unter sich, übt die Geschlechtersolidarität und bereitet sich auf die Begegnung mit »den anderen« vor, die immer spannend ist und durch eine gute Choreografie ekstatische Höhenflüge des Geschlechtsbewusstseins erlaubt. Eine Zeremonie in diesem Kontext ist mir noch besonders stark in Erinnerung: der Auszug der Männer. Aus dem großen Raum, in dem sich alle Teilnehmer befanden, circa 140 Männer und Frauen, und sich auf die Trennung vorbereiteten, zogen wir aus in unser Männerretreat. Die Männer hatten sich im Innenkreis versammelt, die Frauen außen, wir konnten jeder von ihnen nochmal in die Augen schauen und gingen dabei schweigend Schritt für Schritt in betörender Langsamkeit nach draußen, während Regina übers Mikro an die Millionen von Männer erinnerte, die seit Urzeiten immer wieder ihre Frauen und Kinder, ihre Heimat verlassen hatten, um in den Krieg zu ziehen.  

Paare und Singles

Regina blickt auf eine wilde Vergangenheit zurück, in der sie vieles ausprobiert hat, wovon sie oft mit Freude erzählt. Heute lebt sie jedoch zu ihrem eigenen Erstaunen seit vielen Jahren in einer monogamen Paarbeziehung mit einem viel jüngeren Mann. 

Auf den Festivals kommen Menschen sehr verschiedener Beziehungsformen zusammen. Ob du als entschiedener Single lebst, in einer Mono-Beziehung oder polyamor, wird hier gleichermaßen gewürdigt und so weit wie möglich unterstützt. Paare, die ihre Beziehung vertiefen und nicht Session für Session mit einem anderen Partner etwas Neues ausprobieren wollen, werden darin unterstützt, ebenso wie Menschen, die für eine Übung per Los einen Partner zugewiesen bekommen oder durch das Wanderritual, in dem man/frau im Weitergehen von einer Matratze zur anderen mit jeweils neuen Partnern praktizieren. 

Für mich war das Silvester-Festival 2016/17 ein Highlight, das ich mit meiner Partnerin Pernille zusammen machte, und dort insbesondere das Kamala-Ritual. Bei dem werden wir aufgefordert, uns einander Wünsche zu äußern und dann den Partner anzuweisen, diese penibel genau zu erfüllen (natürlich, wie immer, mit der Option Nein zu sagen). In unserem Fall trafen sich dabei die sexuelle Ekstase und die Komik der Situation auf so wunderbare Weise, dass wir schließlich nicht mehr wussten, was uns mehr erregte und durchschüttelte – war es das Lachen über das Komische oder die Schönheit und Perfektion dieser Begegnung.

Aufklärung über Liebe und Meditation

Auch das kann man hier erfahren: dass die Fähigkeiten, in einer Bindung wie auch allein glücklich zu sein, einander bedingen. Vor dem Alleinsein in eine Bindung zu flüchten oder aus der Enge einer Bindung ins Alleinsein, das sind beides keine guten Voraussetzungen für Glück. Im Alleinsein bereiten wir uns auf die Fähigkeit vor, in eine Liebesbeziehung tief eintauchen zu können, und das authentische, wahrhaftige Zusammensein in einer Liebesbeziehung vertieft die Wahrheit des Alleinseins der condition humaine, der keiner entkommen kann. 

Dass wir frei sind und miteinander verbunden widerspricht sich nicht, es bedingt einander sogar. »Be free« heißt nicht »leugne deine Bindungen«, sondern erkenne sie. Wer die eigenen Abhängigkeiten nicht erkennt, ist darin gefangen; wer sie erkennt, dem eröffnen sich damit Optionen, und Optionen bedeuten Freiheit. 

Die Seminare und Festivals des BeFree-Instituts sind nicht nur erfahrungsorientiert, mit Strukturen, in denen man Neues erleben kann, sie bieten auch Aufklärung durch Vorträge und Vorführungen. Dabei zeigt sich, dass viele von uns nicht nur über die Psychologie der Paarkommunikation nur ungenaues wissen, sondern auch über die sexuelle Anatomie: Wo genau liegt der G-Punkt? Wie und warum ejakulieren Frauen? Wo ist der Penis am empfindlichsten? In welcher Stellung bei der stillen Vereinigung können Yoni und Lingam ohne Anstrengung zusammen bleiben? 

Abschied von den Eltern 

Eine Spezialität der Seminare, Retreats und Festivals mit Regina Heckert ist die Heilung der Beziehung zu den Eltern. Auch wenn sie nicht mehr am Leben sind, verfolgen uns die Elternbeziehungen noch, sogar die Beziehungen zu den Eltern unserer Eltern. Auch die Beziehung zu Verstorbenen kann man noch heilen. Zur Lösung aus solchen Verstrickungen bietet Regina Aufstellungen nach der Hellingermethode an, außerdem spezielle Rituale, bei denen man den Eltern nochmal begegnen, sich bei ihnen bedanken und sie verabschieden kann. Obwohl ich mich schon in sehr vielen therapeutischen Methoden mit meiner Kindheit und der Beziehung zu meinen Eltern beschäftigt hatte, hat mich das nochmal tief berührt und befreit. Die Essenz dabei war der Dank an meine Eltern, dass sie mir das Leben gegeben haben. Egal wie sie sonst im einzelnen waren: Sie haben mir das Leben geschenkt. Wer das Leben liebt und imstande ist, diesen Dank an die Eltern auch auszusprechen, ist damit unendlich erleichtert. Das Ritual gibt diesem Dank formelle und prägende Bedeutung. 

Mir wurde bei dem Ritual auch bewusst, wie sehr ich mit allen anderen mitfühlte. Besonders in der Vaterrolle wurde mir das bewusst und in der Rolle des Liebe oder Leben Gebenden, aber auch schon beim Zusehen und Miterleben der tiefen Prozesse der anderen. Die Geschichte eines anderen Menschen mitzuerleben kann fast so stark sein wie die eigene. 

Musik und Tanz und der Körper als Tempel 

In den BeFree-Gruppen werden wir aufs Vielfältigste von Musik und Tanz begleitet. Manchmal gibt es Live-Musik (Trommeln, Cello, Singen), meist ist es Musik von der Anlage. Dabei tanzen wir in den verschiedensten Formen: allein, zu zwei, in der Gruppe, mit Anleitung und ohne; manchmal singen wir auch oder tönen miteinander im Chor, sogar als Kanon. 

Auf den Seminaren, Festivals und Ausbildungen des BeFree-Instituts kann man das achtsame Berühren erlernen, im Bewusstsein, dass unser Körper der Tempel der Seele ist. Teils geht es dabei einfach um Achtsamkeit – dessen gewahr zu sein, was man tut, während man es tut. Teils auch um Handgriffe und das Wissen um Funktionszusammenhänge. Es werden Massagen und Einzelworkshops angeboten  in den Bereichen Yoni-Massage, Lingam-Massage, G-Punkt, stille Vereinigung und andere.

Ein besonderes Highlight ist immer wieder die von Rena Schirm angebotene Schokomassage. Bei der liegen oder sitzen wir in Paaren oder Dreiergruppen in einem gut gewärmten Raum nackt auf einer Plastikfolie, die über einem Feld von Matratzen ausgebreitet ist. Dabei streichen wir uns gegenseitig mit duftender Schokolade ein, die Helfer vorgewärmt in Schälchen neben den Massierenden immer wieder nachfüllen. Zum Schluss kann, wer mag, sich noch in die Mitte des Raums begeben in den Knäuel übereinander sich schlängelnder, glitschiger Leiber, ein Fest für die Haut, ein sich Suhlen im Wohlgefühl purer Körperlichkeit.

Die Abwärtskompatibilität

Seit ein paar Wochen beschäftigt mich die Fähigkeit der Abwärtskompatibilität. Den Begriff fand ich bei der Überlegung, warum der feine Obama den groben Trump hervorgebracht hat, wie konnte das sein? Warum kommt nach Obama nicht ein höher entwickeltes Wesen in den USA an die Macht, warum diese Regression? Mein Verdacht – Ken Wilber und andere haben ihn in mir genährt – ist, dass solch eine Regression damit zu tun hat, dass hoch entwickelte Wesen, Individuen ebenso wie Kollektive, sehr oft nicht ausreichend die früheren Stadien ihres Entwicklungsweges wirklich integriert haben und sie damit weiterhin als verfügbares Potenzial in sich tragen. 

Diese Einsicht kam für mich zunächst aus der Politik, sie ist meines Erachtens jedoch auf dem spirituellen Weg ebenso gültig. Bei Menschen, die zwar prinzipiell eine »Höherentwicklung« des Menschen und auch von sich selbst auf dem persönlichen Weg erstreben, ist es oft so, dass sie trotzdem sehr prinzipiell anti-hierarisch denken, fühlen und sich so verhalten. Mag sein, dass deshalb für viele meiner Lesern die folgenden Gedankengänge nicht akzeptabel sind. Ich will sie trotzdem äußern.

Sind gereifte Tantriker auch mal gierig oder wütend? Ja, sage ich, aber sie bleiben da nicht hängen. Sie haben diese ’niederen‘ Vehaltensweisen integriert und damit in ihrem Repertoire zur Verfügung. Sie können in sie hineinschlüpfen wie in eine Rolle und kommen da am Ende auch wieder raus. Weniger weit entwickelte Wesen hingegen sind da drin ohne raus zu können. Die Rolle hat sie fest im Griff und bestimmt, was sie tun, nicht umgekehrt. Sie sind von einem Verhaltensmuster besessen anstatt es zu besitzen. So gesprochen ‚darf‘ der gereifte Tantriker gierig oder wütend sein, Nein sagen, Grenzen ziehen und sie verteidigen – er/sie kann das, muss das auch immer wieder, kann da aber auch wieder raus, mit Leichtigkeit, und es lassen. Vollendete Tantriker sind sich selbst genug, das ist das höchste Stadium, das Ideal, egal ob es je von irgendwem erreicht wird. Aber diese Selbstgenügsamkeit ist kein auf ewig unbewegtes Ruhen in sich selbst, sondern ein Zustand, in dem du ‚abwärtskompatibel‘ bist, behaupte ich. Das heißt, du bist auch mit den niederen Stufen vertraut, die in deinem Verhaltensrepertoire durchaus auftreten dürfen. 

Das wirkt sich auch beim Zusammensein von Menschen aus, die sich an sehr verschiedenen Stellen auf ihrem Weg der persönlichen Reifung befinden. Wie alle Tantraschulen beanspruchen auch die BeFree Trainings Anfängern eine Chance zu geben und sie mit weiter entwickelten Menschen zusammen zu bringen, die natürlich nicht nur lehren, sondern ebenso sehr lernen wollen wie die Anfänger. Die Abwärtskompatibilität der weiter entwickelten Tantriker, falls vorhanden, garantiert dabei, dass das Zusammensein zwischen Fortgeschrittenen und Anfängern nichts ‚Schräges‘ hat, auch wenn die Blüte sich in einem Menschen schon weit geöffnet haben mag, während das Potenzial im anderen noch in der Knospe schlummert. 

Das Wesentliche

Es gibt viele gute Tantra-Schulen im deutschen Sprachraum. Was ist denn an den BeFrees so besonders? Da fallen mir als erstes vier Bereiche ein: 

1. Die BeFree-Events betonen das Spiel und das Verspielte – im Sanskrit »Leela« genannt – in allen Lebensbereichen, insbesondere in den Liebesbeziehungen. Unser Suchen und Finden, unsere Verzweiflung, Sehnsucht und das so flüchtige Glück werden dabei begleitet von Reginas Humor. Wie erfolgreich unsere einzelnen Vorgehensweisen auch immer gewesen sein mögen, durch diese Verspieltheit werden sie nicht zu neuen Gefängnissen. 

2. Reginas weiser Umgang mit unserer biografischen Vergangenheit, insbesondere der Verbindung mit den eigenen Eltern, empfinde ich als einzigartig tief und heilsam. 

3. Die BeFree Seminare, Retreats, Festivals und Ausbildungen sind Abenteuerspielplätze für Risikofreudige ebenso wie für Schüchterne, die sich selbst ausprobieren wollen, mit sehr weiten Toleranzräumen. 

4. Regina verbindet religiöse Ekstase, wie man sie aus dem Christentum und den asiatischen Religionen kennt, mit tantrischer Ekstase auf einzigartig innige Weise. 

Wenn ich hier von Regina spreche, meine ich damit meistens auch das von ihr geschulte Team, aus dem ich diesmal keine einzelnen Personen hervorheben mochte. Was ich auch kaum könnte, dazu bin ich dort noch zu neu. Der Umgang der BeFree Struktur mit den Schutzräumen für Paare und dem Angebot an Gelegenheiten für Singles ist gut, die Balance zwischen Geborgenheit und Herausforderung ebenso, aber das gibt es auch woanders. Man kann im BeFree lernen, Tantra-Massagen zu geben, die Praxis der stillen Vereinigung, und einiges andere. Die oben genannten vier Punkte aber, ich wüsste nicht, wo sonst es sie in so hoher Vollendung gäbe.

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Diskussion zu: BeFree – vom Wagnis ein Liebender zu sein

  1. Sehr viele schöne und gute Sätze.
    Dann wieder etwas, wo man stutzt. Etwa:
    „Ist nicht unsere gesamte Bildung und biografische Konditionierung Einbildung?“ Das sage mal dem Traumatisierten.
    „We are here – to be free“
    So! Wie geht Freisein? Vollkommes Frei-sein?
    „Geh nur so weit, wie es für dich stimmt.“
    Das klingt, mit Verlaub, irgendwie nicht gut. Auf was will ich denn warten?
    „Bei den meisten der Festivals beträgt die Teilnehmerzahl mehr als hundert“
    Oje. Da geht man ja unter?!
    „weil es eben typisch Mann ist, dass er erstmal sexuell auf die Frau abfährt und dann erst sein Herz sich öffnet“
    WIE .. BITTE? Häh? Was…ist das???
    „Regina trennt dazu in den Festivals und Retreats der männlich-weiblich gemischen Events die ganze Gruppe immer wieder für einen Tag und eine Nacht in eine Frauen- und eine Männergruppe.“
    Das ist eigentlich usus.
    „Das wirkt sich auch beim Zusammensein von Menschen aus, die sich an sehr verschiedenen Stellen auf ihrem Weg der persönlichen Reifung befinden.“
    Das würde ich gerne näher wissen. Ich hatte mal selbst Probleme in einer Gruppe, als durch Neueinsteiger das WE auf einer „niedrigeren“ Ebene verlief wie gewohnt. War mühsam…

  2. Gutes bringen in diese Welt…

  3. befree kommt, minimal zwar, aber auch im „liebesleben von herr und frau schweizer“ vor.

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