22. Juni 2017
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Rubriken: Humor, Persönliches, Spirituelles
5 Kommentare

Aufgewacht? – Biografien mit dem gewissen Knick

»Sind das Erwachen und die Erleuchtung echte, ernst zu nehmende (potenzielle) Ereignisse oder nur Karotten, mit denen Sehnsüchtige geködert und verführt werden?«—Wolf

Es gibt Ereignisse im Leben, die uns unwiderruflich verändern. Ich nenne sie »Knicks in der Biografie«. Traumata sind solche Knicks, aber auch tief gehende Aha-Erlebnisse sind es, wie etwa das, was Menschen auf dem spirituellen Weg »Aufwachen« nennen.

Das Leben ist ein Auf und Ab, mal geht es uns gut, mal schlecht. Wir steigen in den Fluss des Lebens ein, und nie ist es dasselbe Wasser, was da an uns vorüberrinnt. Auch unsere Identität fließt in diesem Wasser mit, vielleicht wie ein Stück Treibeis auf der Wasseroberfläche, teils fest, teils sich auflösend. Oder wie eine Kurve, in der wir uns mal groß, mal klein vorkommen, ein wellenförmiges Auf und Ab. An einigen Stellen aber bekommt diese Welle einen Knick, dann bin ich nach dem Knick ein anderer – für mich und vielleicht auch für die Welt –, und dementsprechend anders erscheint mir die Welt. 

Biografie mit »dem gewissen Knick«

In den 90er Jahren erklärten sich immer mehr Menschen im Zuge der Advaita-Welle, ausgehend v.a. von Papaji im indischen Lucknow, als erleuchtet oder erwacht. Die meisten von ihnen erzählten dabei eine Geschichte, wie »es« passiert ist. Zu der Zeit und in den folgenden Jahren gab ich im Connectionhaus Schreibkurse. In diesen Kursen und auch sonst folgte ich meinem Hang, wiederkehrende Muster ironisch auf die Schippe zu nehmen, wozu auch die Juxanzeigen in meiner Zeitschrift mir Gelegenheit boten. In jede Ausgabe von Connection setzte ich damals drei unechte Anzeigen und forderte die Leser auf herauszufinden, welche das sind. Wer alle drei richtig erriet, konnte dabei etwas gewinnen. In einer dieser Jux-Anzeigen bot ich als Schreiblehrer meinen Kursteilnehmern an, ihnen zu zeigen, wie man die eigene Biografie »mit dem gewissen Knick« gestaltet. Die eigene Biografie als narrative Leistung, basierend auf der These, dass du in deinem Leben nicht aufführen musst, was andere für für dich vorgesehen haben, du kannst die Ereignisse deines Lebens selbst mitgestalten. 

Nun muss das Erwachen auf dem spirituellen Weg aber nicht so etwas sein, wie man es auf den dokumentarischen Bildern einer erfolgreichen Diät sieht: Vorher sah ich so aus! Und dann …. so!!! Dazwischen: DAS Ereignis. Je tiefer der vorherige Fall (Neal Donald Walsh war obdachlos, ehe er auf einmal mit Gott sprach und Gott mit ihm), umso krasser der Kontrast zu dem, was danach kam. Erst wog ich 120 Kilo – nun nur noch sportliche 70! Erst die dunkle Nacht der Seele, nun die helle Erleuchtung. 

Aha-Erlebnisse verschiedener Art

Dass sich diese Knicks in der Biografie narrativ inszenieren lassen, heißt aber nicht, dass sie irreal wären. Sie sind mindestens so real wie das Erwachen eines Kindes aus der Illusion, dass an Ostern ein Hase die Eier bringt und an Weihnachten das Christkind die Geschenke. Das Aha-Erlebnis kann eine kleines sein: Ah, jetzt habe ich schon wieder zu wenig Zeit für ein entspanntes Frühstück eingeplant, ehe ich zur Arbeit muss. Das wiederholt sich, weil ich mit der Einsicht das Muster noch nicht transzendiert habe. Es kann auch ein größeres Aha sein und eher außenweltbezogen, wie das Heureka von Archimedes in der Badewanne, als er die Auftriebskraft von Schiffen als Verdrängung der entsprechenden Wassermasse entdeckt hatte. Ein Kind verliert den Glauben ans Christkind oder ein Erwachsener den Glauben an die Festigkeit seiner Ich-Identität; das erste könnten wir »Abschied aus der Kindheit« nennen, das zweite ein spirituelles Erwachen. Wenn es tief geht und wenigstens ein bisschen schockiert, benennen wir es mit einem Begriff aus dem japanischen Zen: Satori

Sprich nicht darüber!

Ab wann darf ich ein solches Erwachen »Satori« nennen und mich selbst als erwacht deklarieren? Besser gar nicht, meine ich, damit die Normalos damit nicht gleich an die Zeugen Jehovas denken müssen, die mit ihrer Zeitschrift »Erwachet« in den Fußgängerzonen stehen, und deren Erwachen doch eher der Eintritt in eine ergreifende Trance ist als das Aufwachen aus einer solchen. Schon der Buddha riet seinen Schülern – man kann das in den Sutren des Tripitaka nachlesen – über eigene Fortschritte auf dem spirituellen Weg nur mit Mitschülern (bhikkus) zu sprechen. Sie könnten sonst neidisch werden oder dich für blasiert halten, was beides für deine weiteren Fortschritte auf dem Weg eher hinderlich wäre. 

Ich selbst habe diese Regel jahrelang beherzigt. Heute tue ich das nicht mehr, wie man sieht. Damals aber hatte ich Skrupel. Als ich einmal während eines von mir geleiteten »Enlightenment Intensive« zwei Teilnehmer unverkennbar aufwachen sah, machte mich das höchst verlegen. Sie erwarteten von mir Bestätigung, ich aber fürchtete, dass eine Bestätigung dieses schöne Aufwachen verfestigen und zu einem Event erstarren lassen würde, deshalb signalisierte ich zwar kommentarlos stilles Einverständnis, bat sie aber weiterzumachen in der Struktur, mit der Frage »Sage mir, wer du bist«. Für sie selbst, aber auch, damit die anderen nicht neidisch auf die Erwachten blicken würden und dadurch in ihrer Selbsterforschung behindert wären. 

Der kommerzielle Aspekt

Als Jahre später Devasetu Wolfram Umlauf mich in seine Liste spiritueller Lehrer auf jetzt-tv.com aufnahm, wehrte ich mich nicht grundsätzlich gegen diese Aufnahme, sagte aber bei jeder passenden Gelegenheit, dass ich mich nicht als spiritueller Lehrer verstünde. Ich empfand die Formen des Satsangs als zu steif und viele der sich dort Präsentierenden als pädagogisch ungeeignet. Zudem störte mich der meta-ökonomische Aspekt dieser Veranstaltungen, dass dort mit dem Eintrichtern einer Ich-Identität von Unerwachtsein in den noch Suchenden im jeweils anvisierten Zielpublikum das Bedürfnis aufwachen zu müssen teils erst erschaffen wurde. Ich habe mit Christian Meyer darüber gesprochen, einem der größten Protagonisten der Zweiteilung der Weltbevölkerung in Erwachte und nicht Erwachte. Er beansprucht zwar, mit seinen Methoden eine Fähre von hier nach dort zu bieten, aber vertieft er die Kluft dadurch nicht nur – oder schafft sie sogar erst? Und was ist mit denen, die »drüben« angekommen sind und dann ihre Fähre zum Hausboot machen oder sich sonstwelche neuen Gefängnisse erschaffen?

Viele Wege führen nach Rom

Nun bin ich zum Co-Präsentator der Erleuchtungskonferenz von Roland und Ludmilla geworden, die vom 8. bis 10. September in Berlin stattfindet, drei Tage lang. Sie haben mich in ihr Team sehr offenherzig aufgenommen – mich, den Spötter der Szene und Kabarettisten ihrer Exzesse, der ihnen als Präsentation meiner Haltung die Geschichte vom Wasserverkäufer am Fluss zugeschickt hatte. Sie wollten mich als Ergänzung zu ihrem bisherigen Konzept, und ich habe nach einigem Zögern diese Einladung sehr gerne angenommen. Mein Motiv dabei ist die Einsicht, dass viele Wege nach Rom führen. Rom als das Ankommen bei sich selbst, in der Realität. 

Es bleibt jedoch die Frage, ob das Erwachen und die Erleuchtung echte, ernst zu nehmende Ereignisse sind, oder, wie Jed McKenna und andere es beschrieben, nur Karotten, die dem Esel von seinem Reiter an einer Stange herabbaumelnd vorgehalten werden, damit er immer weiter trabt. Vielleicht ist es damit ja so, wie mit der Zeit und der Zeitlosigkeit oder dem Horizontalen und dem Vertikalen. Entweder es gibt beides oder keins von beidem. Die Sichtweise, dass es ein Erwachen aus der Ich-Illusion – ebenso wie ein Weiterträumen darin – tatsächlich gibt, ist jedenfalls nicht so leicht von der Hand zu weisen.

Rinzai- und Soto-Zen

In Japan hat der Zen-Buddhismus Millionen von Anhängern. Die beiden größten Untergruppen des dortigen Zen sind die Rinzai-Schule, die mit Koans arbeitet, das sind Rätsel, die vom Verstand her nicht beantwortbar sind, und die Soto-Schule, in der man vor allem sitzt und in die Leere einsinkt. Die Rinzai-Buddhisten arbeiten mit dem Konzept des Satori: Wenn du das Koan gelöst hast und der Meister dir das bestätigt, bist du »erwacht«; wenn nicht, musst du weitermeditieren, bis du es hast. Die Soto-Buddhisten hängen eher der Idee einer allmählichen Entwicklung an, in der Aha-Erlebnisse keine so große, jedenfalls keine (das Ego) umwerfende Rolle spielen – sie müssen nach ihren Einsichten ohne Knick weiterleben.

Die Mutter aller Illusionen?

Mir ist das Soto-Konzept sympathischer, und doch treffe ich immer wieder auf Menschen, die mir als zutiefst geistesverwandt erscheinen, bis ich bei ihnen irgendwann auf eine Mauer des Unverständnisses stoße. In Kennlernrunden sagen sie nicht »Ich heiße Georg«, sondern »Ich bin der Georg«. Wenn sie etwas wütend macht, sagen sie nicht »Ich ärgere mich«, sondern »Das ist ärgerlich«. Und wenn sie über etwas lachen müssen, sagen sie »Das ist witzig« und nicht, »Das finde ich witzig«. Wenn ich dann sowas sage wie »Die Komik liegt im Auge des Betrachters« oder »Nichts in der Welt da draußen IST ärgerlich, auch wenn ich deine Wut darüber sehr gut verstehen kann und es auch so empfinde«, dann kommt es mir so vor, als gäbe es da doch eine Tür, die sich für manche öffnet, für andere eben nicht. Eine Tür, die im Buddhismus und Advaita Vedanta das Aufwachen aus der »Mutter aller Illusionen« genannt wird – das Ende des Glaubens an das Atta (im Sanskrit: Atman), das Ich oder Selbst, die Festigkeit der kleinen Ich-Identität des von der Welt separaten Individuums, das sich als Souverän empfindet.

Vollmundige Texte über ein heikles Thema

Wie steht es eigentlich um mein eigenes Erwachen? Gibt es einen solchen Knick in meiner eigenen Biografie? So oft habe ich die Themen »Erwachen« und »Erleuchtung« in Connection gebracht, habe andere dazu interviewt und selbst darüber geschrieben, habe zweimal Satsang-Festivals veranstaltet, wo ich die damals bekanntesten Lehrer promotet und auch selbst auf der Bühne präsentiert habe – inwiefern bin ich dazu überhaupt befugt? Wie kann denn ein Nicht-Erwachter eine gute Auswahl treffen zwischen spirituellen Lehrern, denen er in seiner Zeitschrift oder auf einem Satsangfestival Raum gibt, ohne selbst erwacht zu sein? Wird er dabei nicht allzu leicht Schein für Sein halten und auf Heuchler und Pseudogurus hereinfallen? An verschiedenen Stellen habe ich schon über diese Problematik gesprochen und geschrieben, will das aber hier im Blog nochmal ausführlich tun, bevor im September in Berlin die Erleuchtungskonferenz beginnt. Damit ihr wisst von wem die hier präsentierten vollmundigen Texte über dieses heikle Thema stammen – so dass ihr mich danach besser, je nach Gusto oder Weisheit, auf einen Sockel stellen oder als Heuchler verdammen könnt. Oder, zeitgemäß spirituell korrekt (grins), mich als einen Gleichranigen anerkennen könnt, der »auf Augenhöhe« mit euch kommuniziert.

Liebesstreber versus Erleuchtungsstreber

Nicht alle Kulturen haben ein Konzept des Erwachens, und auch wenn eine Kultur ein solches hat, können nicht alle darin damit etwas anfangen. Auch in Subkulturen, in denen Erleuchtung als der höchste Punkt der menschlichen Entwicklung gilt, gibt es Menschen, die sagen, sie wollen gar nicht erleuchtet werden, wozu denn. Wenn sie doch nur eifersuchtsfrei und bedingungslos lieben könnten, sich selbst und andere, das würde ihnen genügen. Die Erleuchtungsstreber (wie ich einer war) werden von ihnen als seltsam andersartige Wesen empfunden, vielleicht so wie Jesus mit seinem Streben nach dem Reich Gottes – Zeitgenossen, die nur gut essen wollten, oder reich werden oder in einer Vielfalt von Möglichkeiten die richtige Krankenversicherung auswählen (alias damals im Tempel die richtigen Rituale korrekt aufführen), erschien er als seltsam andersweltlicher Mensch. 

Die Umkehr – zurück in den Schoß Abrahams

In den abrahamitischen Kulturen Judentum, Christentum, Islam gibt es üblicherweise kein Konzept des Erwachens. Das Erwachen etwa der Zeugen Jehovas oder der Evangelisten ist ja der Eintritt in eine neue Glaubenswelt; die Freiheit von jeglicher Gefangenschaft in einer Glaubenswelt ist für sie nicht vorstellbar – wie überhaupt die meisten Menschen sich das nicht vorstellen können. Es sich »vorzustellen« ist wohl auch nicht der richtige Begriff dafür. 

Was den Knick anbelangt allerdings gibt es in einigen theistischen Kulturen den Begriff der Umkehr. Bis zu diesem Knick hin werden wir Menschen immer weltlicher (inkarnierter, diesseitiger); ab diesem Punkt treten wir den Rückweg an, zurück in den Schoß Gottes oder Abrahams, die Anhaftung nimmt ab, die Gier nach weltlichen Freuden ebenso, man bereitet sich auf das Leben nach dem Tod vor, auf die Heimkehr. 

Eine solche Heimkehr ist nicht ohne Relativierung des Ego zu haben; die Hardcore-Spiris verlangen sogar seine Auflösung. Psychologie und Spiritualität unterscheiden sich in der Bewertung des Ego sehr. Konventionellen Schulpsychologen erscheint der Verlust der Ich-Identität als höchst gefährlich, als ein Weg, der in die Psychose führen kann, und eine krasse Erschütterung des Ego könne in die Schizophrenie führen, sagen sie. Während spirituellen Menschen das Ich des Individuums oft als Feind jeglicher Transzendenz erscheint. Wer »noch« im Ego ist – noch nicht ‚umgekehrt‘ ist und noch ohne jegliche Satori-Erfahrung – hat noch gar nichts verstanden und ist zu bedauern. 

Der Wert der Vielfalt

Bei der Betrachtung der Vielfalt der Charaktere in jedweder menschlichen Gesellschaft hilft mir ein Gedanke aus der biologischen Evolution. Dort gilt Vielfalt als DAS große Plus, das einer Spezies helfen kann, Umweltkatastrophen wie Krankheiten zu überleben – je größer die Vielfalt, umso eher die Chance, dass ein paar Individuen der Spezies die Katastrophe überleben und sich fortpflanzen, so dass die Spezies überlebt. Die so kurios aufwändige Zweiteilung einer Spezies in einen männlichen und einen weiblichen Genus mit oft sehr verschiedenen Phänotypen (Pfauen, Guppies, Spinnen), die dann einen enormen Aufwand betreiben müssen, um sich fortpflanzen zu können, anstatt dass ein Wesen allein Nachkommen zeugt, wie eine Pflanze mit einem Setzling oder ein Regenwurm, dem von Spaten ein Teil abgehackt wurde. Wozu das Ganze? Für die Vielfalt! Aus eben diesem Grund enthalten vielleicht auch die Gesellschaften so verschiedenartige Charaktere, gute und böse, dumme und kluge, soziale und asoziale, Führer und Mitläufer und eben auch Erleuchtungs- und Liebeshungrige. Das moderne Konzept der Inklusion versucht diese Unterschiede zu minimieren. Wenigstens die Bewertung der Unterschiede soll nivelliert werden. Eine exzessive solche Nivellierungspraxis (falls sie denn überhaupt gelingt und die Unterschiede nicht bloß verdrängt werden) führt dann aber doch in das, was Ken Wilber »Flachland« nennt, in die Mediokrität.

Spirituelle Lehrer

Ich will keine persönlichen Schüler haben, Leser und Zuhörer aber sehr wohl. Wenn das Lesen meiner Texte und das mir Zuhören oder Zuschauen zu Aha-Erlebnissen führt, prima. Diese dürfen so groß, prägend und irreversibel sein, wie sie eben sind. Mein Teil ist dabei die Freunde am Vermitteln, und mir ist dabei bewusst, dass das Gefäß, in das die Botschaften gegeben werden, das Entscheidendere ist, nicht der Aussender der Botschaften. Für manche Menschen ist es wichtig in eine persönliche Beziehung mit einem Menschen einzutreten, den sie für erwacht halten – egal, ob er es tatsächlich ist; das wissen sie ja nicht und können es noch nicht beurteilen, so lange sie nicht selbst erwacht sind. Es gibt Menschen, die sich dafür als persönliche Mentoren, Erleuchtungstrainer oder spirituelle Lehrer präsentieren. Die Beziehung zu solchen Menschen kann durchaus helfen! Wer das will, gehe dort hin. Ich bin in der Hinsicht zwar nicht so radikal wie Jiddu Krishnamurti, der spirituelle Lehrer, Meister und Therapeuten grundsätzlich für irreführend hielt, weil sie die nach Antworten suchenden Individuen von ihren je eigenen Wegen ablenken, aber ich vermeide es, innerhalb einer persönlichen Beziehung ein solcher Vermittler zu sein.

»Klares Denken in der Stille«

Auf dem Erleuchungskongress will ich nicht nur den Humorweg zur Erleuchtung vorstellen und mich selbst als spirituell arrogant darstellen (Achtung, es könnte ernst gemeint sein!). Ich will auch mit meinem Freund und Mitblogger Torsten Brügge, der zusammen mit Padma Wolff die Bodhisattvaschule innehat, ein öffentliches Gespräch führen, das sich gegen das Mind-Bashing, die Ablehnung des Denkens – im spirituellen Slang »im Kopf sein« genannt – wendet. Natürlich wissen wir, dass wir Menschen uns allzu leicht in Denkroutinen bewegen, die meist selbstbestätigend und oft realitätsverleugnend sind und eine Präsenz in Weisheit, Freiheit, Liebe behindern. Die stereotype Ablehnung des Verstandes (the mind) aber verstärkt diese Routinen noch und führt so weiter ins Dickicht geistiger Gefangenschaft. Klares Denken hingegen ist wertvoll und kann immerhin im Ausschlussverfahren sagen, was Weisheit, Liebe, Erleuchtung, Freiheit und geistige Souveränität nicht ist

Wir kündigen diesen dialogischen Vortrag als »Klares Denken in der Stille« an, weil Gedanken die Stille so wenig verdrängen können wie Wolken den Himmel zum Verschwinden bringen. Auch wenn die Wetterlage noch so »bedeckt« ist, der Himmel ist immer noch da; und auch der größte Lärm kann die Stille nicht vertreiben, nach dem Ausklingen des letzten Tons ist sie wieder da – nein: immer noch ist sie da, ohne dabei einen Kratzer bekommen zu haben und ohne Narben vom Lärm zugefügter Wunden, sie war ja nie ganz weg.

Wer verdient dabei was? 

Nun zu dem Kongress, auf den ich hiermit nochmal verweisen möchte (in meinem vorigen Rundbrief hatte ich das schon einmal getan). Ich könnt dort neben mir noch circa zwanzig Auslöser von Einsichten und Aha-Erlebnissen erleben. Wer sich dort anmeldet und sagt, dass er über mich davon erfahren hat, erhält einen Rabatt von 10 Prozent, und ich erhalte eine Provision auf die auf diesem Weg Angemeldeten. Tue ich es deshalb? Nein. Aber es trägt zu meinem Lebensunterhalt bei. Es ist für den sich Anmeldenden kein Schaden und für Roland&Ludmilla auch nicht, für sie ist es ein Teil meiner Honorierung. Muss jeder darlegen, wie er/sie bei solchen Veranstaltungen honoriert wird? Nicht unbedingt, aber da auch spirituelle Veranstaltungen eine weltliche Seite haben, finde ich es für die Teilnehmer hilfreich, die finanziellen Strukturen offenzulegen. Die auf dem Berliner Kongress auftretenden spirituellen Lehrer erhalten kein Fixhonorar. Einige erhalten ebenfalls eine Provision über durch sie angemeldete Teilnehmer, andere haben darauf verzichtet, sie werden offenbar gut von ihrer Sangha versorgt, sagt Roland Heine. Sie können dort aber ihre Bücher und andere Utensilien verkaufen und ihre Flyer auslegen. Ihr Geschäftsmodell ist ein anderes als meines. Auf dem Kongress zeigen sie sich, werden erwählbar und leben dann, wenn sie nicht andere Einnahmequellen haben, von Satsanggeben, Retreats und Einzelsessions, oft auf Spendenbasis.

Wahrhaftigkeit

Der Anspruch, dass das Vermitteln von Weisheit und das Geben von Zuwendung und Liebe in Wahrhaftigkeit stattfindet und nicht durch kommerzielle Erwägungen eine Tendenz bekommt, die ohne dies nicht da wäre, dem setzen wir alle uns aus. Nicht nur die Anbieter und Unternehmer solcher Veranstaltungen, sondern auch die Teilnehmer, die man ja nicht generell als unerwacht und weisheitsmäßig unterlegen betrachten kann. Und auch die Gehaltsempfänger kirchlicher Organisationen bleiben von diesem Problem nicht völlig verschont, denn wer von ihnen seine Lehrerlaubnis und die Erlaubnis zur Ausübung des Kultes (Gottesdienst, Kommunion, Segnungen u.a.) behalten will, sieht sich dabei unter Umständen Gewissensfragen ausgesetzt, die denen eines selbstständigen Therapeuten oder spirituellen Lehrers ähneln. 

Nicht immer ist das, was die Kundenbeziehung oder die zum Arbeitgeber (Kirche, Sekte, Krankenkasse) erhält, kompatibel mit dem, was ein von finanziellen Erwägungen freies Gewissen entscheiden würde. Wer völlig frei davon ist »werfe den ersten Stein« hätte Jesus dazu vielleicht gesagt. Möge uns bei all der Spiritualität auch unsere Weltlichkeit bewusst sein und unsere Entscheidungen auf einer Berücksichtigung auch des Diesseitigen basieren, in Balance mit dem Jenseitigen, das sich doch nur so schwer fassen und über das sich letztlich kaum sprechen lässt.

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Diskussion zu: Aufgewacht? – Biografien mit dem gewissen Knick

  1. Ein ellenlanger Text 🙂

    Wie so oft bei Deinen Texten: Du mäanderst durch das jeweilige Thema, lässt kaum einen Gedanken aus, er ist wie ein Fluß, der durch viele Gestade fliesst.

    Was ich aus ihm entnehme, sind Haltungen von Dir, die mir vertraut erscheinen. Bestätigungen.

    Das Mindbashing: Es ist doch seltsam, wie man ein so göttliches Werkzeug wie einen geölten Verstand die „Teufelsfratze“ aufziehen will.
    Was ist am Verstand auszusetzen? Die Organisation einer Pflanze etwa ist ungemein komplex, das wäre auch einfacher zu haben. Aber die Komplexität erleichtert ihr Überleben – und ist zudem auch schön an sich!
    Jeder Wissenschaftler erfreut sich an ihr.

    Dein Zögern für diesen Kongress hatte monitäre Gründe?
    Ich bin von Keramikern oder jüngst auch von Jazzveranstaltern gewohnt, daß ihr Auftreten zwar oft nicht monitäre Erfolge gebiert, aber sie werden bekannt, sie zeigen sich. Kann sein, daß sich ein Jazz-Anhänger zwei Jahre danach an ein Gespräch am Stand erinnert und nun plötzlich Kontakt aufnimmt. Auf solche Dinge setzt man.

    Du hast die Gewohnheit, Deine Artikel hier nur 2, 3 Tage zu begleiten, dann bist Du weg?!
    So kommt es mir vor. Wenn man also etwas nachschieben wollte, käme das garnicht mehr zu Gesicht?!

    Schönen Donnerstag!

  2. Lieber Gerhard,
    ja, der Text ist lang, aber ich kann dir versichern, dass ich dabei VIELE Gedanken ausgelassen habe ;-).
    Das Mindbashing mag dir als seltsam erscheinen, aber es ist in der Spiri-Szene weit verbreitet, und es hat ja auch einen triftigen Grund. Nur hilft es nicht aus dem Dilemma, aus dem es helfen soll.
    Was meinst du mit meiner „Gewohnheit, meine Artikel nur 2, 3 Tage zu begleiten“? Ich schaue fast jeden Tag in meine Mailbox, manchmal alle paar Stunden, und wenn dort ein Kommentar erscheint, der die Diskussion weiterführt (und ich Lust und Zeit dazu habe), antworte ich darauf.
    LG
    Wolf

  3. Ich kenne das Thema Mindbashing in der Spiriszene durchaus, wie Du weisst.

    Naja, ich kann ja nur interpretieren, was es bedeutet, daß ein Kommentar MAL nicht beantwortet wird. Daß Du tatsächlich wie viele andere (aber nicht alle(!)) deinen Blog aufsuchst, ist ein wertvolle Info. Danke.

  4. Lieber Wolfgang Sugata –

    auch von mir ein kleiner Beitrag zu den gewissen Knicks…
    Die Begegnung mit einem buddhistischen Mönch und Lehrer um 2002 hatte einen seltsamen „Spin“ für mich – was ich später in einer kleinen Geschichte um solch einen gewissen Knick ein wenig „anonymisiert“ habe. Vielleicht gefällt es Dir.
    Hinzu zu dieser ehrwürdigen Legende kam dann noch ein kleines Ambiente, das ich für eine Diskussionsgruppe im Usenet gestaltet habe – und das ganze kann nun verpackt und mit ein paar weiteren Gedanken (übrigens auch zwei zum Thema „Erleuchtung“) angereichert, als Sammlung von Sutren über den Pilger Ya-Nun online gefunden werden…

    Möglicherweise ist der Meister in dieser Sutra dem Erfahrenen sogar erkennbar – so etwas käme sogar meiner realen Verehrung für diesen Meister durchaus entgegen (aber bitte keine öffentlichen Vermutungen hier!).
    Hier nun erst mal die Geschichte mit „dem gewissen Knick“ …
    =================================================

    Die Sutra vom mondgesichtigem Meister
    /vom Aufbruch des Pilgers Ya-Nun
    —-

    Ya-Nun und sein Klausenbruder studierten in dieser Zeit bei
    dem Meister Sho-Mun mit heißem Herzen und vollster Hingabe den
    Dharma. Meister Sho-Mun lehrte die richtige Sicht auf den
    Dharma auf altehrwürdige Weise, indem er die Mönche oftmals in
    die Nacht hinaus in den Bambushain führte und dort sagte:

    „Die Lehre des Dharma will ich euch zeigen. Aber was Anderes
    als ein Wegzeiger, was Anderes als ein Wegmal, was Anderes als
    ein Hinweis wollte Euch hingebungsvollen Mönchen der Meister
    sein? Nicht den Finger sollt ihr betrachten sondern den Mond,
    auf den er zeigt – so ist das richtige Verständnis der Lehre
    des Erwachten!“

    —————————————————-

    In dieser denkwürdigen Nacht nun schien der böse ‚Mara der
    Aufsässigkeit‘ und der böse ‚Mara der maßlosen Verblendung‘
    das Herz des eifrigen Ya-Nun verwirrt, ja verdunkelt zu haben:
    nicht länger schaute Ya-Nun auf den Mond sondern betrachtete
    in größter Unverfrorenheit den Finger des Meisters Sho-Mun,
    und betrachtete den Arm, der aus der Robe ragte, die welke
    Haut des Alten Mannes vom Berge, die Form seines schmalen
    Brustkorbs, erwog sogar, das Herz seines Meisters zu erkennen,
    und gewahr des Rhythmus seines Atems zu werden. Weiter
    schweifte sein Blick ab von dem Bilde des Himmelsgestirns, den
    Körper hinauf und mit offenem Elefantenblick schaute er in das
    Gesicht des Meisters, der seine Schüler unvermindert anhielt,
    den Mond zu betrachten – und maßloses Entzücken bemächtigte
    sich augenblicklich der Sinne des Mönches Ya-Nun.

    „Ein Mondgesicht! Mein Meister hat ein Mondgesicht!“ brach es
    erheitert aus ihm heraus, einen Tanz vollführte der ungehörige
    Mönch und dreimal umrundete er den ehrwürdigen Meister Sho-Mun
    voll ausgelassener Freude.

    ———————————

    Des Morgens in der Klause nun schnürte Ya-Nun schweigsam seine
    Habseligkeiten: seine Almosenschale, seine Nadel, sein
    Zahnhölzchen, umwarf sich mit seiner aus Fetzen gefertigten
    Robe und schickte sich an, noch vor dem Almosengang diesen
    Ort, diese Klause zu verlassen.

    „Unwürdig, mein lieber Bruder,“ sagte da sein Klausenbruder,
    „war meines lieben Bruders Betragen gestern Nacht! Welcher
    Mara mag das Herz meines Bruders wohl besessen haben, wohin
    mag er ihn verführt haben, um den ehrwürdigen Meister so zu
    beschämen: ‚mein Meister hat ein Mondgesicht‘? Bricht mein
    Bruder auf um uns zu verlassen, weil ihn die Scham überwältigt
    hat?“

    „Keineswegs überwältigt mich, lieber Bruder, die Scham“
    erwiderte nun der so getadelte Ya-Nun, „Ich breche auf, um
    mich in der Welt an Mondgesichtern zu erfreuen“ – sprach’s und
    verließ die Klause, die ihm so lange Heimat gewesen.

    ———————————–

    „Wo nun ist Bruder Ya-Nun“, fragte der Meister Sho-Mun des
    Abends ebengerade diesen Bhikkhu, „warum vermag ich ihn nicht
    unter euch zu sehen?“ – so fragte er den bestürzten Bruder.

    „Er hat wohl ein schlimmes Vergehen begangen, ehrwürdiger
    Meister“ antwortete der bestürzte Bhikkhu, „und vielleicht
    überwältigt von Scham hat er heute in der Morgenstunde sein
    Bündel geschnürt und hat uns verlassen. An ‚Mondgesichtern‘
    wolle er sich von nun an erfreuen, sagte er, unverfroren,
    ungeläutert, in frechster Vermessung, ehrwürdiger Meister,
    indem er die Klause verließ und sicher ist der ‚Mara der
    maßlosen Verblendung‘ als vollständiger Sieger in sein Herz
    eingezogen. – Doch nicht möge der ehrwürdige Meister meinen
    Bruder Ya-Nun für immer verdammen, von Mitleid bewogen.
    Verlassen hat er uns ja, aufgegeben den Ort der schrecklichen
    Schmach“… also sprach der Bhikkhu, der Bruder, der mit dem
    Mönche Ya-Nun viele Regenzeiten die Klause geteilt.

    „Nicht hat der Bruder Ya-Nun Grund zur Scham,“ antwortete der
    verehrungswürdige Meister Sho-Mun nach tiefem Besinnen, „und
    keineswegs hat er uns heute zur Morgenstunde verlassen.
    ‚Einer, der sein Bündel geschnürt und sich auf den Weg
    gemacht, hat uns nicht verlassen, und einer, der dies
    berichtet, ist noch nicht bei uns angekommen‘. Diesen Koan,
    Bruder Bhikkhu, diesen Denkspruch, sollst du von nun an üben,
    dieser Denkspruch sei dir von nun an eine Leuchte, sei dir ein
    Wegweiser und sei dir zur vollständigen Durchdringung
    aufgegeben.“

    ——————————————————–

    So sprach Meister Sho-Mun, von seinem Schüler ein
    ‚Mondgesichtiger‘ genannt, und er ehrte mit diesen Worten den
    Bhikkhu Ya-Nun, der nun ein Pilger, der nun ein Wanderer, der
    nun eine selbstgewiß(*1) blühende Blume des Dharma geworden
    war.

    ———————————————————————-
    ———————————————————————-

    (Aus der Sammlung „Berichte aus dem Leben des Ya-Nun, des
    Pilgers unter den Blättern der nördlichen Bambushaine“,
    eines unbekannten Verfassers

    (*1 Anm. d.Ü. „selbstgewiß“ – hier ist im Original nicht
    der Bezug auf ein – wie auch immer zusammengesetztes- ‚Selbst‘
    intendiert, sondern ein Begriff eher im Sinne von „selbständig“,
    „unabhängig“, oder auch „aus eigenem Verständnis“ gefunden
    worden. )
    =======================================================

  5. Aufwachen hat viele Gesichter und vor allem, wie Wilber anmerkt, viele Grade, Stufen; und Rückfälle gibt es unzählige, wie sich gezeigt hat. Ob es ein endgültiges Erwachen gibt, wissen vielleicht Gott oder der Buddha oder ein wilberianisches Schema, was er selber durchaus nicht kontinuerlich erfüllt, wie an seinen Kommentaren zur Welt und eigenen Systemlage erkennbar.Der größte Irrsinn- Erleuchtete am Fließband (ob im Zen oder anderen spirituellen Systemen produzieren zu können), eine Haltung, die ich auch bei Christoph Meyer wahrzunehmen glaube. Daher: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold und adäquates Handeln die Essenz – also Solches in allen Religionen als Compassion, Mitgefühl benanntes Tun im Nicht-Tun. Das ist auch die jesuanische Grundaussage. Der Rest gerinnt zumeist zu spiritueller Marktschreierei.
    Ansonsten bleiben so delikate Paradoxien, wie u.a. die in der Gestalt Graf Dürkheims sichtbar geworden ist: ein überzeugter aktiver Nazi, von einem faschistischen japanischen Zenmeister in Japan initiiert, und im Nachkriegsdeutschland in Todtmoos/Rütte zu spirituellem Ruhm gekommen. Ich kannte ihn, mochte ihn sehr, und erfuhr erst viel später von seiner braunen Vergangenheit. Oder was sollen wir von einer Biographie wie die von Nelson Mandela halten – zornig, mit großer Libido, der am Ende seines Lebens schon geahnt haben mochte, dass sein Lebenswerk von seinen schwarzen Nachfolgern in vieler Hinsicht zerlegt werden würde. Mir scheint daher, dass der Umgang mit dem Scheitern auf diesem Planeten der eigentliche Lackmustest für Erleuchtungshungrige, bzw. selbsterklärte Erwachte ist. Das Leben des Dalai Lama zeugt durchweg von dieser Ambivalenz, präziser Ohnmacht geheißen. Vom Tod am Kreuz gar nicht erst zu sprechen.
    mit besten Grüßen,
    Peter

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