Am Wasser gebaut

»Mystiker und Psychotiker treiben beide im Unterbewusstsein, der Mystiker kann schwimmen, der Psychotiker geht unter - A. Maslow«—Marianne Gallen

In den letzten Tagen gab es hier wieder stundenlangen Starkregen. Mittlerweile wissen wir schon, was das für uns bedeutet: Das Grundwasser wird vor den Kellerfenstern sichtbar! Zentimeter für Zentimeter steigt das nasse Element an den Glasscheiben hoch, bis es irgendeine Markierung erreicht, ab der es wieder absinkt.

An einem kleinen Strich von Pollen- und Blätterresten, die zurück bleiben, erkennt man den Umkehrpunkt. Die beiden Lichtgräben auf der West- und Nordseite unseres Hauses füllen sich mit Wasser und die Wiese fühlt sich sumpfig an, wenn man darüber geht. Feuchte Schuhabdrücke bleiben lange auf den Terrassen und im Eingangsbereich des Hauses zurück.

Das nasse Element

Als mein Mann und ich vor 6 Jahren das Grundstück kauften, hat es uns ans und ins Wasser gezogen. 80 Meter sind es zum Weiher, 15 Meter zum Bach. Man hört ihn fast immer rauschen, manchmal watet sogar ein Fischreiher dort entlang.  Meiner Seele tut das gut! Es beruhigt und besänftigt mein Gemüt bis in die tiefsten Abgründe. Meeresrauschen wirkt noch besser.  Deshalb zieht es uns auch im Urlaub fast immer an einen Ort, wo man das Spiel der Wellen hören und in ozeanische Weiten blicken kann.

Die »Wassergeister« seien besonders schwierig zu besänftigen, erklärte uns ein Lama, als wir während der Aushub-Phase des neuen Eigenheims an einem tibetanisch-buddhistischen Chöd-Workshop teilnahmen. Zu dieser Zeit hatte sich gerade heraus gestellt, wie eng wir mit dem Grundwasser auf unserem neuen Land verbunden sein würden. Nach dem ersten Regenguss war das frische Loch voll. Unser Bauleiter konstatierte: »Im Moment besitzen Sie ein Schwimmbad«!

Der Lama riet uns, die Wassergeister von Anfang an versöhnlich zu stimmen, indem wir sie mit Milch füttern sollten – sie seien bestimmt aufgebracht durch unser Eindringen in ihr Reich! Ein Freund, der sich viel mit »weißer Magie« beschäftigt hatte, war der Meinung, bayerische Wassergeister würden Bier bevorzugen. Bei Nacht und Nebel, damit die Nachbarn nichts mitkriegen, entleerten wir also eine Flasche Erdinger Weißbier in den Kellerloch-Pool mit der inbrünstigen Bitte, dass das Bauen trotz aller Widrigkeiten gelingen möge.

Wasserpannen

Das Bauvorhaben war von jeder Menge »Wasserpannen« begleitet. Zunächst stellte sich heraus, dass die Gemeinde einen Entwässerungsplan für das Regenwasser verlangte, was uns der Makler tunlichst verschwiegen hatte. Erst nach langen und zähen Verhandlungen konnten wir die neuen Nachbarn dafür gewinnen, eine Regenwasserleitung über ihr Grundstück in den Bach zu erlauben. Die Zeit rann dahin, noch kein Stein war gesetzt.

Als endlich der Rohbau stand, mit WU-Beton-Wanne und vertraglich festgeschriebenen wasserdichten Fenstern, gab es die nächste Überraschung: Irgendwo lief Wasser ins Haus. Nach dem ersten größeren Regenguss standen überall bis zu 5 cm tiefe Pfützen in den Kellerräumen. Das Dach war da schon drauf. Ein Sachverständiger fand heraus, dass die Fenster nur das Prädikat »wasserhemmend« besaßen, was in Hochwassergebieten ein größeres Eindringen der nassen Fluten bei Katastrophen verhindern sollte, aber keineswegs vollständigen Schutz garantierte. Und so ging es weiter: Immer mehr, größere, kleinere und kleinste Wasserpannen begleiteten den fortschreitenden Bau und die ersten Jahre des Wohnens am neuen Ort, bis irgendwann Ruhe einkehrte.

Astrologie

»Du wirst lernen müssen, nach den Gesetzmäßigkeiten deines inneren Flusses zu leben«, hatte mir vor vielen Jahren eine Astrologin prophezeit, als sie den ersten Blick auf mein Radixhoroskop geworfen hatte: Sonne und fünf weitere Planeten in Wasserhäusern und dazu noch einen Fische-Aszendenten gibt es dort. Und: »Deine inneren Abgründe sind tief und machtvoll«. Besonders sensibel und wahrnehmend sei ich auch.

Hochsensibilität

»Nah am Wasser gebaut haben«, ist ja im Volksmund ein Ausdruck für Menschen, die ihre Emotionalität nicht gut »unter Kontrolle« kriegen und daher schnell und häufig weinen müssen. Vielfach wird das als Ausdruck von Labilität und Schwäche gedeutet.

Neuerdings – seit einer Veröffentlichung im Jahre 1997 (Quelle) – gibt es Bestrebungen, »Hochsensibilität« als ein besonderes Persönlichkeitskonstrukt anerkennen zu lassen. 15-25% aller Menschen seien davon betroffen. Es wird versucht, wissenschaftlich nachzuweisen, dass diese Personen sich durch eine vergleichsweise offenere und subtilere Wahrnehmung, sowie eine intensivere zentralnervöse Verarbeitung von inneren und äußeren Reizen vom Rest der Menschheit unterscheiden.   

In einem anderen Internet-Beitrag zum Thema lese ich: »Sensibilität ist eine Eigenschaft, die ihre Kraft aus der Innenschau, aus der Langsamkeit und der Ruhe hervorbringt. … Sensibilität wird nach wie vor eine gewisse ‚Schwäche‘ oder ‚nicht Alltagstauglichkeit‘ zugeschrieben, allerdings nur solange bis die mentale Stärke eines sensiblen Menschen so groß ist, dass sein Auftreten und Selbst-Bewusstsein diesen Rückschluss nicht mehr zulassen«.

Innenschau, Langsamkeit und Ruhe

Innenschau, Langsamkeit und Ruhe sind Qualitäten, die in jeder spirituellen Praxis erwünscht sind und als Übungsfortschritt begrüßt werden. Insofern fördert Meditations- und Achtsamkeitspraxis auch die Sensibilität eines Menschen, er wird unweigerlich durchlässiger und damit auch empfindsamer und wahrnehmender.

Auch die »Fluten des Unterbewusstsein« können bei fortschreitender spiritueller Entwicklung weniger kontrolliert werden. Manchmal entladen sie sich in Ergüssen, die vorübergehend schwer zu händeln sind. Allemal stören sie in einem Alltag, der auf Leistungserbringung, Funktionieren und glänzender Fassade aufgebaut ist.

Spirituelle Krise

Der Begriff »Spirituelle Krise« wurde auch in den letzten Jahrzehnten als »diagnostisches Schlupfloch« eingeführt, das Menschen erlaubt, zeitweise von stürmischen inneren Entwicklungen überrollt zu werden, ohne sich gleich als »psychisch krank« in Behandlung begeben zu müssen.

Neurotische Störungen im klassischen Sinn, sind immer Schmerz-Abwehr- und Konflikt-Vermeidungs-Muster. Es sind »Erfindungen« unseres psychischen Apparats, um ein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, das von innen (und außen) bedroht wird. Sie dienen dazu, erlittenen Schmerz und Leid aus dem Bewusstsein fern zu halten.

Das Leid, das durch die »Wasser des Unterbewussten« erzeugt wird, wenn Dämme gebrochen sind und Vermeidungsmechanismen nicht mehr greifen, ist ganz anderer Natur: Der »Wächter« an der Schwelle zum ES, wie Siegmund Freud (Begründer der Psychoanalyse) die »inneren Abgründe« genannt hat, ist in Todesnot! Die »Ich-Instanz«, die bisher den Kontrolleur und Aufpasser gegeben hat, kann ihre Funktion nicht mehr wirkungsvoll ausüben. Innere Entwicklungen drohen, das ganze »System« zu zerstören. Und tatsächlich hat diese Form der Ich-Organisation auch ausgedient.

Ein stabiles »Ich« und die »Schätze der Unterwelt«

Ein Haus, das solide gebaut ist, wird in diesen Unterwelt-Fluten nicht untergehen. Es steht immer noch auf seinen Grundfesten, wenn sich die Wogen wieder geglättet haben. Von Psychologen wird in diesem Zusammenhang von einer »Ich-Stärke« gesprochen. Ein viel zitierter Spruch von Abraham Maslow beschreibt diese Tatsache so: »Mystiker und Psychotiker treiben beide im Unterbewusstsein, der Mystiker kann schwimmen, der Psychotiker geht unter«.

Das Unterbewusstsein ist aber auch – wenn wir die Angst vor seinen Abgründen verloren haben – ein Reservoir unerschöpflichen Reichtums: Traumbilder und kreative Visionen steigen dort auf, Intuitionen und Inspirationen werden aus dieser Quelle genährt. Unsere Schwingungs- und Resonanzfähigkeit nimmt zu, je durchlässiger wir werden und die essenziellen Qualitäten, die unser Wesen ausmachen, bekommen einen Entfaltungsraum.

Bunte Kiesel und Halbedelsteine

Aquamarin-KieselNeuerdings zieren bunte Kiesel und Halbedelsteine die Lichtschächte unserer Kellerräume. Besonders, wenn das Grundwasser da ist, bieten sie uns einen farbenfrohen Ausblick. Verschwindet es, tauchen sie langsam wieder auf – das Farbenspiel wandelt sich dabei zusehends.Rosenquarz1

 Es macht Freude, immer wieder hinunter zu gehen und die Bilder zu genießen!

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Diskussion zu: Am Wasser gebaut

  1. Liebe Marianne,
    ein sehr schöner und stimmungsvoller Artikel. Wunderbar aufgebaut und fein-sprachlich ausgeführt.
    Da brauchst Du dich nicht (mehr) hinter Sugata zu verstecken! 😉
    (Es braucht solche Vergleiche natürlich nicht, aber dennoch finde ich, daß man das so anführen darf).

    Das mit dem Haus las ich mit Sorge! Wasser ist bekanntermassen ständig eine Besorgnis. Das wird sicher so bleiben. Eine Garantie wird es wohl nicht geben, daß man nicht irgendwann nachbessern muß.

    Zu nahe am Wasser gebaut: Irgendetwas in einem „sensiblen Menschen“ sucht das Feuchte, sucht das Weinen. Man dreht sich da „gerne“ in gewisse Schmerzen hinein, in Enttäuschungen, die wiederkehren. Theoretisch weiß man meist, was die Auslöser in früher Kindheit waren, etwa das „ominöse“ Nichtverstandenwerden, Nichtakzeptiertsein durch Mutter. Aber der Link von den Gegenwartsproblematiken zu diesen Kindheitserfahrungen gelingt meist schlecht, selbst therapieerfahrenen. Ich fand unlängst ein Buch, das erst im Herbst herauskommen wird. Es handelt davon, wie man nach einer Therapie die Erfolge dieser Therapie stabilisieren kann. Ich denke, sehr sehr oft geht der Patient verlustig an dem, was er über sich gelernt hat, geschweige denn dieses „Wissen“ weiter auszubauen.
    Es gibt ja Instanzen, die „Erfolg“ in dieser Hinsicht nicht wollen und die hervor kommen, wenn der Schutz-Therapeut weg ist.

    Zum Schluß : Danke für die Kieselsteine. Diese runden so schön diesen famosen Artikel ab!

  2. Danke, lieber Gerhard, für die wertschätzende Rückmeldung zu meinem Text!
    Ja, es ist nicht ganz einfach, sich neben einem „Sprachkünstler“ nicht als Dilettantin zu fühlen. Diese Umgebung inspiriert mich allerdings auch, mir in dieser Hinsicht etwas zu trauen. 😉
    Was du über die Instanzen, die den Therapieerfolg boykottieren schreibst, kann ich nur – aus eigener Erfahrung – bestätigen. Am liebsten ist es mir da, wenn sich die Leute mit der Zeit so etwas wie einen „inneren Heiler“ zulegen, dem sie dann einiges Tages mehr vertrauen können als mir.
    Und ja … es gibt Natur-Gewalten, denen Menschengemachtes irgendwann wieder weichen muss … damit leben wir auch jeden Tag – alle auf diesem Planeten.
    Herzlich
    Marianne

  3. Marianne, Dein Text spricht für Sich, deshalb müsste ich ihn eigentlich garnicht wertschätzen.
    Ich dachte mir vorhin, Du könntest auch eine Sammlung Deiner Essays veröffentlichen! Schon so oft wunderbare Texte von Dir gelesen!
    Aber wie gesagt, die Qualität Deiner Texte dürfte Dir auch selbst bewusst sein!
    Schönen Tag!

  4. Ich habe das Zitat nochmal recherchiert, es scheint doch nicht von A. Maslow zu sein. Im englischsprachigen Internet taucht es so auf und wird Joseph Campbell zugeschrieben:

    “The psychotic drowns in the same waters in which the mystic swims with delight.”

    ― aus Stanislav Grof, Psychology of the Future: Lessons from Modern Consciousness Research

  5. glueckwunsch ! dir gelingt was vielen
    erfahrenen Tibetern n i c h t gelingt:
    mit dem wasser eng zusammen leben.

    ‚Im Wasser sind die Ragas (Naturgeister)‘, sagen die
    Tibeter. ‚Und die sind zu maechtig‘.

    so ist fuer Tibeter am Wasser zu leben tabu.

    Ich habe meiner von 33 Jahren 1-Zi-Apartment-leben, davon die letźten 25 jahre ohne Strom im Wohnbereich, angegriffenen Gesundheit einen riesigen Gefallen tun koennen und ein FerienHaus im Nationalpàrķ Kellerwald (Hessen) gekauft.

    Habe vor und nach dem Kauf jeweils ein Mah Jongg gelegt. Es stimmte! die karten sagten, dass meine gesundheit wieder zunehmen kann. Die Karten sagten allerdings auch etwas anderes:‘ . . dass es von nun an nur noch bergab gehen wird'(Ich bin 7o Jahre). Das ist mir recht! Bergauf gehen war mir nie ein Vergnuegen..

  6. die Karten sagten allerdings
    auch etwas anderes :
    ‚ . . dass es von nun an nur
    noch bergab gehen wird‘
    (ich bin7o jáhre)
    das ist mir recht !
    Bergauf gehen war mir Nie
    ein Vergnuegen..

    Spätestens ab 50 geht es bei uns allen bergab, liebe Neonsheela …

    Stufenjahre des Menschen

    Mit 70 beginnt (nach Clarissa Èstes) allerdings auch gleichzeitig eine Zeit der Verjüngung, sie nennt sie die „weise Alte“.

    Und herzlichen Glückwunsch zum Umzug in die Natur! Die „Nagas“ sollen ja auch besonders weise sein … Es sei manchmal schwer, sie sich zu Freunden zu machen, man brauche Fingerspitzengefühl, sie reagierten schnell gekränkt, aber es sei möglich … (so unser Chöd-Lama).

  7. danke Marianne fuer die glueckwuensche.

    die An-triebe aendern sich
    allmaehlich , die Gedankenwelt
    bekam urspruengliche ‚Ge-lassen-heit‘
    zurueck.

    merke dass ich mit einfachheit
    besser lebe.

    ‚die weise Alte’=
    ayurvedisch sind kindheit u. jugend
    dem wasser-element zugeordnet ,
    das erwachsenen-leben feuer u. erde
    und das alter gehoert zu element w i n d.

    rumaenisches gebet=

    ich nehme meine zuflucht zum wind

    wie der wind vertraue ich dem meer
    meinen ruhm an

    um dereinst zu enden im wind

    & may love and meditation florist ☆*

  8. ja , etwa seit anfang des monats
    (september) kann ich
    das Haeuschen benutzen.

    so lange nichts mehr gesehen
    als die ‚liebe‘ UniversitaetsStadt
    in deren Naehe ich mein Apartment
    habe.(das Ferienhaus im Kellerwald
    kann ich nicht als ersten Wohnsitz
    anmelden).

    habe meinen Globetrotter-OutdoorKocher dort.
    er verbraucht verdammt wenig
    Material/Holz (weil er mit einem
    elektrischen Ventilator gekoppelt
    ist und mit viel Gedult ist
    der Kocher sogar imstande
    ein Handy zu laden(..)

    mein CasioKeyboard benutze
    ich als electronische Klangschale
    wenn ich dort bin in Nature.

    den guten Kraeften sei Dank ist
    der InternetEmpfang dort
    sehr schwach.
    ruhigen Gewissens tu ich
    relaxen.

    hab ein gelbes Kissen gekauft im
    Supermarkt mit dem Aufdruck=
    ‚Sommer Sonne Dosenbier‘.

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